Klinik Kreisklinikum Neu-Ulm: Über Nacht ein Sanierungsfall

Kreis Neu-Ulm / MATTHIAS STELZER 25.11.2016

Schock, Sanierung, Sofortmaßnahmen, Stabilisierung, Krisenstab –  das Vokabular, das im Krankenhausausschuss des Neu-Ulmer Kreistags am Freitag zu hören war, spricht Bände. Die monatelangen Debatten um die drei Kliniken der Kreisspitalstiftung mündeten in eine faustdicke Überraschung. Die Kreisräte entließen Stiftungsdirektor Michael Gaßner mit sofortiger Wirkung.

Der Grund: Anders als von ihm mehrfach beteuert, wird das Defizit der Kliniken, die der Landkreis ausgleichen muss, für die Jahre 2015 und 2016 nicht sieben Millionen Euro betragen. Bei einer Prüfung der Beratungsfirma KPMG ploppte auf, dass es der Kreis für beide Jahre wohl mit einem Minus von 13 Millionen Euro zu tun haben wird.

Bürgerbeteiligung liegt auf Eis

Am Donnerstag überbrachten die Unternehmensberater Landrat Thorsten Freudenberger die schlechte Nachricht. „Ich bin schockiert, habe aber keine Zeit für eine Schockstarre“, beschreibt der 43-jährige CSU-Mann  seinen Gemütszustand. Die tatsächliche finanzielle Situation der Kliniken habe ihn überrascht.  „Jetzt müssen wir erstmal schauen, dass wir unsere Kliniken stabilisieren“, sagt Freudenberger. Und: „Das ist natürlich auch verheerend für unseren Kreishaushalt.“

Ansonsten will der Landrat jetzt zuerst mal anpacken und sich ein detaillierteres Bild machen. Noch am Freitagmittag nach der Sitzung des Krankenhausausschusses trat erstmals ein „Krisenstab“ zusammen.  Ihm gehören neben dem Landrat dessen Erster Stellvertreter Roland Bürzle an, Kreiskämmerer Mario Kraft, KPMG-Berater und Vertreter der Klinikleitung – allen voran Ernst Peter Keller, den die Kreisräte gestern zum kommissarischen Leiter der Kreisspitalstiftung kürten.

Ihre Aufgabe wird es sein, in den kommenden Tagen und Wochen alle Ausgaben des Klinikverbundes auf den Prüfstand zu stellen. Neu bewertet werden dann auch die 21 Projekte, die der Kreistag zur Modernisierung seiner Kliniken bereits beschlossen hatte. „Es war sehr, sehr ehrgeizig mit 21 Projekten zu laufen. Da ist es ganz gut, dass jetzt manche auf Rot stehen“, sagte Neu-Ulms OB Gerold Noerenberg (CSU)  während der Sitzung des Krankenhausausschusses.

Welche Vorhaben bereits gestoppt wurden, will Thorsten Freudenberger in der „akuten Krisensituation“ nicht sagen. „Wir brauchen jetzt Gelegenheit, die Dinge zu ordnen“, sagt er. Dazu gehören auch Überlegungen, den Krankenhausausschuss durch externe Experten  zu einem Kontrollgremium auszubauen.

Sicher ist aber schon, dass der Strategieprozess zur Klinikzukunft samt Bürgerbeteiligung abgebrochen und verschoben ist. Die Internetseiten zum Bürgerdialog werden aus dem Netz verschwinden – bis auf weiteres. Denn im Jahr 2017 will der Landrat den Ball möglichst bald wieder aufnehmen. „Dass der Strategieprozess gestoppt werden muss, bedauere ich“, sagt der Landrat. Auf der aktuell unklaren Zahlenbasis „Luftschlösser zu bauen“, hält Freudenberger aber nicht für sinnvoll. Den Auftakt-Workshop des Bürgerdialogs am Donnerstagabend hatte er deshalb kurzfristig abgesagt. Freudenberger: „Ich entschuldige mich deshalb bei den Bürgern. Aber ich konnte nicht zulassen, dass unter völlig falschen Voraussetzungen über die Zukunft geredet wird.“ Für die jetzt anstehende Phase verspricht der Landrat maximale Transparenz. „Wir werden mit dieser Krise so offen wie möglich umgehen.“

Michael Gaßner ist nicht mehr Stiftungsdirektor

Person

Michael Gaßner, der am Freitag fristlos entlassen wurde, war 2012 Direktor der Kreisspitalstiftung geworden. Seinen im Oktober 2017 nach fünf Jahren auslaufenden Vertrag wollte der 41-jährige Klinikchef aber ohnehin nicht verlängern. „Es ist nicht so, dass ich den Bettel hinschmeiße, mich zieht es aus familiären Gründen nach Berlin“, erklärte der in Pfaffenhofen aufgewachsene Betriebswirt und Ökonom im Oktober.

Stelle

Der Landkreis hat aufgrund der Ankündigung Gaßners die Klinikleitung bereits ausgeschrieben. Zum 31.8.2017 wird ein Beweber gesucht, der sich auf Finanzen und Unternehmenssteuerung versteht und nach Möglichkeit über „herausragende Kenntnisse im Management von Akutkrankenhäusern und Krankenhausverbünden“ verfügt.