Engagement Kissen für Haiti in „Fantasie-Patchwork“

Rita Joos-Ulrich näht an ihrer Nähmaschine im Wohnzimmers jeden Abend gut drei Stunden.
Rita Joos-Ulrich näht an ihrer Nähmaschine im Wohnzimmers jeden Abend gut drei Stunden. © Foto: Vanessa Arslan
Kettershausen / Vanessa Arslan 07.09.2018

Rita Joos-Ulrich sitzt an ihrer Nähmaschine am Ende des Wohnzimmers. Die Nadel sticht ein paar Mal in den robusten Leinenstoff, den die 65-Jährige eingelegt hat. „Der Stoff stammt von alten Mehlsäcken“, erklärt sie und dreht ihn einmal, um in die andere Richtung weiterzunähen. Zu dem Leinenstoff bekommen die Kissen noch Spitzen und Bordüren sowie kleine Trachtenknöpfe. Fantasie-Patchwork nennt Joos-Ulrich die Technik, bei der sie verschiedene Materialien verarbeitet. Neben Mehlsäcken vernäht Joos-Ulrich auch alte Bettwäsche zu Kissen und verkauft sie für den guten Zweck. Viele der Stoffe sind mehrere Jahrzehnte alt. 120 Jahre hatten die ältesten Betttücher auf dem Buckel.

Gespendet wurden sie von einer damals 91-jährigen Frau aus Hessen, erinnert sich Sigfried Joos. Er akquiriert Stoff­spenden von Privatpersonen und Firmen aus ganz Deutschland. Schon immer hatte das Ehepaar eine Vorliebe für alte Dinge. Die Idee zum Kissennähen kam ihnen aber erst als sie bei der Entrümpelung eines alten Bauernhauses Bettwäsche entdeckten. Besonders beliebt ist rote Bettwäsche. Egal, ob gestreift, kariert oder unifarben. Zu Joos-Ulrichs Bedauern sind Stoffe in der beliebtesten Farbe schwer aufzutreiben. Bettwäschen in Flieder und Blau gibt es dafür zuhauf. Nur sind diese Kissen weitaus weniger gefragt.

Etwa drei Stunden pro Tag verbringt die 65-Jährige mit dem Nähen, meist am Abend. Im Sommer kann es auch mal weniger sein. Für ein Kissen braucht sie dann einen ganzen Näh-Abend. Deshalb steht die Nähmaschine auch im Wohnzimmer. „Sonst wäre ich ja den ganzen Abend alleine in meinem Zimmerchen“, sagt sie, hält die Nadel an und blickt zu ihrem Mann Sigfried, der ihr zunickt. Die Zeit investiert das Ehepaar aus Kettershausen aber gerne. Schließlich geht das Geld aus dem Verkauf an einen guten Zweck.

Den Anstoß dazu gab Tochter Daniela. Im Januar 2010 bewarb sich die Ärztin bei „Humedica“ in Kaufbeuren und wurde prompt in Haiti eingesetzt, um sich um die Opfer des Erdbebens zu kümmern, das sich 2010 ereignete. Als sie im Juli wieder von ihrem Einsatz zurückkam, hatte sie eine wichtige Botschaft für ihre Eltern: „Mama, Papa: Ihr müsst was tun“. Seit dieser Satz fiel, sind gut acht Jahre vergangen. Acht Jahre, in denen die Familie unzählige Sach- sowie Geldspenden erhalten und gut 2500 Kissen verkauft hat.

Mit dem Erlös wurde 2011 eine Suppenküche gebaut, die täglich 40 Kinder mit Mahlzeiten versorgt. Außerdem konnte bis Ende 2016 in Cap Haitien, einer 140 000-Einwohner-Stadt im Nordosten des Landes, ein Waisenhaus sowie eine Schule mit sechs Klassenräumen gebaut und bezogen werden. Und die Erfolgsgeschichte setzt sich fort: Zum Schulstart im September 2018 können 400 Schüler unterrichtet werden. An drei weiteren Klassenräumen wird derzeit gearbeitet.

Verkauf bei der Gartenlust

Das oberste Gebot für Familie Joos: Bildung. Durch den einfachen und freien Zugang zu Bildung kann den jungen Menschen in Haiti eine bessere Zukunft ermöglicht werden. Die Spenden laufen über den Verein „Haiti Hilfe Schramberg e.V.“. Das Kindermissionswerk aus Aachen gibt zu den Spenden 15 Prozent dazu. „Bei uns kommen also 115 Prozent der Gelder im Spendenland an“, freut sich Sigfried Joos. Er hat über die Jahre ein großes Netzwerk an Firmen aufgebaut, die sich nicht nur mit Geldspenden, sondern auch gerne mit Sachspenden beteiligen.

Auf vier Märkten pro Jahr bieten die Jooses Kissen, Schlampermäppchen und Lavendelherzen an. Wichtig für das Ehepaar Joos ist es, dass die Standgebühr frei ist. Auf der Gartenlust in Illertissen, die am 8. und 9. September stattfindet, ist es auch wieder soweit. Rita Joos-Ulrich hat für den Markt am Wochenende bereits 35 Kissen vorbereitet. „Viele Stammkunden kommen jedes Jahr vorbei und nehmen ein Kissen mit, da muss man einiges auf Vorrat mitnehmen“, erklärt die erfahrene Standbetreiberin.

Über die Jahre flatterten auch schon Großaufträge ins Haus, die die beiden aber nicht bewerkstelligen können. Auch Online-Plattformen wie Ebay kommen nicht in Frage. „Wir machen das alles in unserer Freizeit und sind auch sonst gut beschäftigt, das darf man nicht vergessen“, erinnert Sigfried Joos. Aber auch ohne Großaufträge hat das Ehepaar in Haiti schon viel erreicht. „Wir hätten uns nie träumen lassen, dass es so ein Erfolg wird“, resümiert Ehemann Joos mit einem kleinen Leuchten in den Augen und hofft auf viele weitere verkaufte Kissen.

Hilfe über den Verein

Spenden Die Spenden der Familie Joos fließen über den Verein „Haiti Hilfe Schramberg e.V.“ ins Spendenland. Die Organisation wurde 1980 in Schramberg im Schwarzwald gegründet. Zu den Projektschwerpunkten zählen Schulbildung, Alphabetisierung, Hilfe zur Selbstorganisation und Patenschaften für Jugendliche. Seit 1994 ist die Initiative ein eingetragener gemeinnütziger Verein. Aktuell engagieren sich etwa 130 Mitglieder und rund 600 Paten sowie 700 Spender. In 36 Jahren kamen rund acht Millionen Euro zusammen, mit denen zahlreiche Projekte realisiert werden konnten. Wer Familie Joos helfen will, in Haiti etwas zu bewirken, kann auf folgendes Konto Spenden: Raiffeisenbank Kettershausen, IBAN: DE71 7206 9736 0001 0435 28, BIC: GENODEF1BLT, Stichwort:“Hilfe für Pere Andre, Cap Haitien“.

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