Eigentlich wollten die Besucher am Sonntagnachmittag die Vöhringer Stadtpfarrkirche St. Michael besichtigen. Doch das, was sie im Innenraum der erst kürzlich sanierten Kirche vorfanden, war alles andere als sehenswert: Unbekannte hatten mehrere Wände, Bilder und Statuen mit goldener Farbe besprüht und wüste Beleidigungen hinterlassen. Der Vöhringer Pfarrer Martin Straub war angesichts des Ausmaßes der Schäden entsetzt: „Das betrifft den ganzen Kirchenraum, auch die Empore wurde beschmiert.“ Er spricht von einer „Schändung“, denn neben den Wänden wurden auch Heiligenbilder und der Altar beschmiert. „Das ist ein Anschlag auf die Kirche und ihre Heiligkeit, auf unser Gotteshaus. Ich fühle mich persönlich verletzt“, sagt Straub.

Nach der Messe am Sonntagmorgen war in der Vöhringer Stadtkirche noch alles in Ordnung. Der Mesmer sei am Sonntagmittag noch bis 13.45 Uhr in der Kirche gewesen, hatte nach einer Taufe aufgeräumt, sagte Kirchenpfleger Andreas Kaffarnik. Um 15 Uhr klingelten die Besucher dann beim Pfarrer und berichteten ihm von den Schmierereien, in der Zwischenzeit muss der Täter in der Kirche sein Unwesen getrieben haben.

Unter anderem ist eine Pieta, eine Marienfigur aus dem Jahr 1920, die Bildhauer Saumweber aus Günzburg schuf, mit Goldfarbe besprüht worden. Die Pieta steht rechts des Haupteingangs der Kirche und dient als Gebetsstätte für die Gefallenen der beiden Weltkriege. Auf der anderen Seite des Kirchenschiffs wurden auf einem Gemälde des Münchner Malers Leonhard Thoma aus dem Jahr 1916, das den heiligen Antonius mit dem Jesuskind zeigt, die Antlitze unkenntlich gemacht. Außerdem ist der Altar mit der Polizeibeleidigung „ACAB“ (All Cops Are Bastards) beschmiert worden. Unzählige weitere Schmierereien, zum Beispiel „Luzifer“ oder die Zahl „666“ sind in der kompletten Kirche verteilt. Der Pfarrer entschied sich trotzdem, die Abendmesse zu halten.  Dort habe die Gemeinde für die „kranke Seele“ des Täters gebetet. „Die Hassparolen sind schwer zu ertragen“, sagt Straub.

Polizei tappt im Dunkeln

Die Polizei ermittelt gegenwärtig mit Hochdruck. „Wir tappen aber noch im Dunkeln“, sagt Franz Mayr, Leiter der Polizeiinspektion Illertissen. Im Zusammenhang mit den Schmierereien sucht die Polizei nach einem 50 bis 60 Jahre alten Mann, der sich gegen 12.30 Uhr in der Kirche zum Gebet aufhielt. Der Mann wird als korpulent mit kurzen, graumelierten Haaren und einem Drei-Tage-Bart beschrieben. Bekleidet war er mit einem schilfgrünen Wintermantel, er hatte außerdem einen Rucksack dabei und trug eine Brille. Für Mayr ist der Gesuchte eher ein Zeuge denn der Täter. „Die Sprachwahl lässt darauf schließen, dass die Schmierereien eher von einem jüngeren Täter begangen wurden“, sagt Mayr. Eine Verbindung zu den weiteren Schmierereien der vergangenen Wochen (siehe Info-Kasten) kann Mayr nicht ausschließen. „Es gibt Ähnlichkeiten zwischen den Taten“, sagt der Leiter der Illertisser Polizei.

Den Sachschaden kann die Polizei noch nicht beziffern, er gehe aber mit Sicherheit in die Tausende. Kirchenpfleger Kaffarnik schätzt ihn als „riesig“ ein: „Man kann die Kirchenwände nicht einfach übermalen.“ Gestern Nachmittag begutachtete auch ein Vertreter des Bistums Augsburg die Schäden in der Kirche, ein Ergebnis war gestern nicht zu erfahren.

Die Polizei bittet Zeugen, die Hinweise geben können, sich unter Tel. (07303) 965 10 zu melden. Insbesondere interessiert die Ermittler, ob jemand in sozialen Netzwerken mit der Tat geprahlt hat.