Thalfingen / Barbara Hinzpeter Egal, wo er spricht, Ivo Gönner hat Gewichtiges zu sagen. Auch bei der Kanzelrede in der Thomaskirche in Thalfingen.

Das Wort Lügen hat Konjunktur: „Politiker werden als ,Lügenpack’ bezeichnet, die Medien werden als ,Lügenpresse’ tituliert“, sagte Ivo Gönner zu Beginn seiner Kanzelrede. Er sprach in der vollbesetzten Thalfinger St. Thomaskirche über das diesjährige Fastenmotto der evangelischen Kirche: „Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen.“

In der Politik seien offenkundige Lügen und Wahngebilde so erfolgreich, weil sie dazu dienten, Gruppen zusammenzuschweißen, sagte Gönner. Der ehemalige Ulmer Oberbürgermeister hielt sich jedoch nicht lange bei der aktuellen Politik auf, sondern beleuchtete vielmehr auf gewohnt unterhaltsame und zugleich tiefgründige Art die Gründe von Un- oder Halbwahrheiten.

Das Thema war wie bestimmt für den Juristen und ehemaligen Jesuitenkolleg-Schüler. Er machte deutlich: Gelogen wird viel und aus unterschiedlichen Motiven – bisweilen auch, um andere nicht zu verletzen, aus Höflichkeit und Bescheidenheit oder um andere zu schützen.

Der Umgang mit der Wahrheit ist im Alltag widersprüchlich. Erwachsene sagten selbst nicht immer die Wahrheit, sagte der Alt-OB. Sie ermahnten die Kinder, einerseits nicht zu lügen und sich andererseits bei Großeltern oder Tanten für ein unpassendes Geschenk zu bedanken.

Lügen werden in Kulturen verschieden bewertet

In unterschiedlichen Kulturen würden (Not-)Lügen unterschiedlich bewertet, womit sich die Frage ergebe: „Was ist Wahrheit? Kann man, um nützliche Ziele zu erreichen, zur Lüge greifen?“ In der Bibel werde die Lüge je nach Situation beurteilt. Zwar sei sie grundsätzlich verwerflich. Verhelfe sie aber dem Schwachen zu seinem Recht, erscheine sie manchmal legitim. „Strafe droht, wenn das Verhältnis zu Gott leidet oder der Mitmensch einen Nachteil erfährt“, sagte Gönner. Aber es werde nicht der Täter, sondern die Tat verurteilt. Davon profitiere auch Petrus: Obwohl er Jesus dreimal verleugnet hat, erwählte der ihn als Fels, auf dem er die Kirche bauen wolle.

Angst als Hauptgrund für Lüge

Angst sei einer der Hauptgründe dafür, dass Menschen lügen, sagte Gönner. Ehrlich zu sein, bedeute, auch der unbequemen Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Der Fastenkalender lege nahe, die Wahrheit zu suchen, sie zu erkennen und für sie zu streiten. „Wahrhaftig zu leben“, heiße, sich zu einzusetzen, wo andere Menschen Hilfen benötigen, und aufzustehen für Gerechtigkeit, sagte Gönner in Anlehnung an den Theologen und Bürgerrechtler Martin Luther King.

Dass mit Lügen auch die öffentliche Meinung beeinflusst wird, ist ein altes Lied. Das zeigte eine Strophe aus dem Gesangbuch, die Pfarrer Jean-Pierre Barraud ausgesucht hatte. 1561 dichtete Martin Luthers Mitstreiter Johann Walter: „Die Wahrheit wird jetzt unterdrückt, will niemand Wahrheit hören, die Lüge wird gar fein geschmückt, man hilft ihr oft mit Schwören; dadurch wird Gottes Wort veracht’, die Wahrheit höhnisch auch verlacht, die Lüge tut man ehren.“

Thomas Mahr hält die Rede 2020

Redner Zum vierten Mal sprach ein Vertreter aus Politik oder Wirtschaft in der  St. Thomaskirche über das Fastenmotto des Jahres. Nach Landrat Thorsten Freudenberger, Katrin Albsteiger (beide CSU) und IHK-Präsident Peter Kulitz stand erstmals ein SPD-Politiker auf der Kanzel. Der Redner für 2020 steht auch schon fest: Der Langenauer Buchhändler Thomas Mahr habe schon zugesagt, verkündete Pfarrer Jean-Pierre Barraud.