Senden Kampf den Missständen

CLAUDIA SCHÄFER 14.11.2012
Mit großer Willensstärke brachte es Therese Studer von der armen Arbeiterin zur geachteten Kämpferin für Frauenrechte. Morgen feiert die Stadt Senden den runden Geburtstag ihrer berühmten Tochter.

Fabrikarbeiterinnen hatten es nicht leicht zur Zeit Therese Studers. In der Dissertation "Weibliche Arbeit in Familie und Betrieb - bayerische Arbeiterfrauen 1870 bis 1914" zitiert Elisabeth Plössl eine Weberei-Arbeitern des 19. Jahrhunderts wie folgt: "Meine Nerven sind ganz kaputt. Mein Stuhl macht 32 Touren in der Minute, im staubigen heißen Raum, da wird man ganz verrückt. Es klappert und wackelt den ganzen Tag."

Bis zu zwölf Stunden mussten die Frauen von Montag bis einschließlich Samstag in heißen und lauten Hallen schuften. Dafür bekamen sie meist nur sechs bis zehn Mark in der Woche und mussten dafür noch die Belästigungen männlicher Kollegen ertragen, die sie duzten und mit Schimpfwörtern belegten. Wer sich gegen Avancen von Vorgesetzten wehrte, musste mit Schikanen oder der Entlassung rechnen. Das konnten sich allerdings viele Frauen angesichts der prekären finanziellen Lage ihrer Familie nicht leisten. In großen Teilen der Bevölkerung galten die hart arbeitenden Frauen nicht viel: Ihre Beschäftigung, bei der sie mit Männern auf engstem Raum zusammen arbeiteten, galt als "unschicklich".

Diese Missstände wollte Therese Studer nicht hinnehmen. Ihr Einsatz für die Arbeiterinnen gründete dabei auf ihren eigenen Erfahrungen: Das Mädchen, das am 22. September 1862 in Haus Nummer 27 (der heutigen Lechstraße 1) als Tochter eines Dienstknechts geboren wurde, wuchs unter schwierigen Bedingungen auf. Mutter und die Stiefmutter starben früh, schon mit acht Jahren musste Therese Studer in der Landwirtschaft arbeiten. Ein Schulbesuch war nur im Winter möglich. Mit 14 Jahren trat sie dann in die Altenstadter Zündholzfabrik ein, ab 1878 arbeitete sie in der Weberei in Ay.

Schon früh hatte Studer begonnen, sich für ihren Lohn Bücher zu kaufen und sich nach der Arbeit weiterzubilden. In der Firma stellte sie Männer zur Rede, die Arbeiterinnen belästigten, und kämpfte für bessere Arbeitsbedingungen. 1884 wechselte Studer in die Textilfabrik in Kaufbeuren, wo sie in der von Franziskanerinnen geleiteten Marienanstalt lebte, einem Arbeiterinnenwohnheim. Dort machte sie sich bald als belesene Frau und Autorin von Theaterstücken einen Namen. Schließlich bekam sie das Angebot, Lehrerin zu werden, was sie aber ausschlug - die soziale Frage war ihr dafür zu wichtig gewesen.

Ein großer Erfolg wurde die im Jahr 1906 von Studer initiierte Gründung eines katholischen Arbeiterinnenvereins. In kurzer Zeit zählte die Ortsgruppe Kaufbeuren stolze 460 Mitglieder. Ein erstes Angebot, Sekretärin des Gesamtverbands zu werden, schlug Studer allerdings 1907 aus. Erst ein Jahr später wechselte sie als erste hauptamtliche Verbandssekretärin in die bayerische Hauptstadt. In den Folgejahren war sie an der Gründung von 19 Arbeiterinnenvereinen beteiligt und schaffte es, die Mitgliederzahl im Arbeiterinnenverband auf 21 000 zu steigern.

Ab 1915 musste Studer wegen einer schweren Rheumatismus-Erkrankung ihre Arbeit immer mehr einschränken. Schließlich gab sie ihr Amt als Verbandssekretärin auf, wurde aber für ihre Leistungen zur Verbandsvorsitzenden gewählt. Dieses Ehrenamt behielt sie bis zu ihrem Tod im Jahre 1931.