Augsburg/Kreis Neu-Ulm Jäger darf nicht mehr schießen - Waffenschein eines 73-Jährigen eingezogen

Augsburg/Kreis Neu-Ulm / NIKO DIRNER 04.09.2013
Seit 50 Jahren ist er ein tadelloser Jäger. Dennoch musste ein 73-Jähriger jetzt einsehen, dass er keine Chance hat, seine Waffen weiter benutzen zu dürfen. Etwa wegen einer Urkundenfälschung gilt er als unzuverlässig.

Die Schmerzen sind schier unerträglich. Und weil Karl W. (Name von der Redaktion geändert) vor der Ulmer Uni-Klinik keine Lücke für sein Auto findet, parkt er in höchster Not auf dem für den Chefarzt reservierten Platz. Das hätte ihm sicher keinen Strafprozess eingebracht. Weil er aber den kopierten Behindertenausweis seiner Mieterin hinter die Frontscheibe legte, verurteilte ihn das Amtsgericht Neu-Ulm im Januar dieses Jahres zu einer Geldstrafe. Und eben diese geahndete Urkundenfälschung hat den Jäger aus dem Kreis Neu-Ulm jetzt letztlich die Erlaubnis gekostet, eine Schusswaffe zu führen.

Das sah der 73-Jährige am Mittwoch vor der Vierten Kammer des Verwaltungsgerichts Augsburg zwar nicht ein, er zog aber dennoch – den Tränen nahe – seine Klage gegen den Entzug seiner Waffenbesitzkarte und seines Waffenscheins zurück. Die Vorsitzende Richterin Beate Schabert-Zeidler hatte ihm klar gemacht, dass er nach drei Geldstrafen – 2009 wegen versuchter Nötigung, 2012 wegen Sachbeschädigung und eben in diesem Jahr wegen der beschriebenen Urkundenfälschung – nicht mehr als vertrauenswürdig genug gelte, um mit Waffen und Munition umgehen zu dürfen. Auch wenn seine Vergehen absolut nichts mit seinem Hobby zu tun haben. Zudem warf Schabert-Zeidler in der Verhandlung die Frage auf, ob der Kläger wegen seiner Schwerhörigkeit noch zur Jagd in der Lage ist. „Vielleicht erkennen Sie ja, dass es damit in einem gewissen Alter einfach vorbei ist.“

Der 73-Jährige verteidigte sich wortreich: Er habe in allen Verfahren immer Pech gehabt; sämtliche Vorfälle ließen sich erklären, die Sachbeschädigung etwa habe nicht stattgefunden, und die Sache mit dem Behindertenausweis sei ja nur rausgekommen, weil er gleich operiert wurde und eine Woche in der Klinik war. Auf die Jagd zu gehen, sei seit dem Tod seiner Frau seine einzige Beschäftigung, sein Leben. „Er ist mit der Jagd verwachsen“, ergänzte sein Anwalt Rainer Stopp.

Richterin Schabert-Zeidler erwiderte, das Verwaltungsgericht könne die Urteile der Strafgerichte nicht überprüfen, die Kammer sei daran gebunden. Und ein Auge zuzudrücken, wie es Anwalt Stopp forderte, sei angesichts der Vielzahl der Verurteilungen nicht möglich. Zumal dem 73-Jährigen, wie Peter Dieling vom zuständigen Landratsamt Neu-Ulm ergänzte, die Waffenbesitzkarte vor Jahren schon einmal entzogen worden sei. „Ach diese Sache in den 70er Jahren“, winkte der Kläger ab: Er habe Hafer gesät, und Hanf sei gewachsen. Zufällig. „Ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich brauche das Zeugs nicht.“

Milde walten zu lassen, verbiete sich auch wegen der Amokläufe in den vergangenen Jahren. „Das Waffenrecht hat sich verschärft, die Waffenrechtsbehörde steht im Focus der Öffentlichkeit. Die Leute fragen uns: Kontrolliert ihr die Waffenbesitzer tatsächlich?“, erklärte Dieling dem Kläger. Das Alter an sich sei kein Kriterium. Es gebe auch Jäger im Kreis, die über 80 Jahre sind.

Der 73-Jährige gab nach einstündiger Verhandlung schließlich auf. So wahrte er zumindest theoretisch die Chance, nach der fünfjährigen Sperre wieder Waffenschein und Waffenbesitzkarten zu bekommen. Doch der Mann ließ durchblicken, dass er mit dem Thema nach 50 Jahren notgedrungen abgeschlossen habe: Sein Jagdrevier hat er weiterverpachtet, seine zwölf Schusswaffen und die Munition abgegeben. Was ihm bleibt? Im Jagdrevier seines Sohnes die Tiere zu füttern. Für ihn sei das allerdings kein echter Ersatz, sagte er.

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