Gesundheit In einem Jahr 40 Kilogramm leichter

swp 05.07.2018

Der Blick in den Spiegel und der Gedanke: „Hey, wer ist dieser Typ? Bin das etwa ich?!“ So hat es bei Torsten Becker aus Illertissen angefangen. Danach kam der feste Entschluss: „Ich will abnehmen!“ Mit Hilfe des medizinisch überwachten „Optifast-Programms“ im Krankenhaus Memmingen hat es der 46-Jährige geschafft. In nur einem Jahr verlor er 40 Kilogramm. Heute hat Torsten Becker Idealgewicht. Nicht nur das: Er läuft sogar Marathon.

Das Dicksein begann bei Torsten Becker mit Problemen der Bandscheibe. „Wegen der dauernden Rückenschmerzen konnte ich meine Lieblingssportart Fußball nicht mehr ausüben“, erzählt er. Auch jegliche andere Bewegung strengte ihn sehr an. Weil er am Tisch aber immer noch die gleichen Mengen verzehrte, ohne sich viel zu bewegen, wurde er dicker und dicker. Bei 120 Kilogramm zog Becker die Reißleine.

Schnell aus der Puste

Das war vor eineinhalb Jahren. „Ich fühlte mich in meiner Haut nicht mehr wohl“, erinnert er sich. Zudem hatte der zweifache Familienvater Schwierigkeiten, seinen Kindern hinterherzukommen. Das Fußballspielen mit seinem Neunjährigen brachte ihn mordsmäßig aus der Puste.  „Ich wollte mein altes Leben wiederhaben.“ Becker wandte sich an seine Krankenkasse und erfuhr während eines Ernährungskurses vom „Optifast-Programm“ am Memminger Krankenhaus, bei dem Übergewichtige ein Jahr lang begleitet werden. Mit einem Ausgangsgewicht von 120 Kilogramm bei einer Größe von 1,80 Metern stellte er sich bei Programmleiterin Heidi Müller vor.

„Für mich stand fest: Ich ziehe das jetzt durch“, erzählt Becker. Und das tat er auch: Ein ganzes Jahr lang traf er sich jeden Dienstagabend nach der Arbeit mit anderen übergewichtigen Frauen und Männern zum Austausch, gemeinsamen Sporttreiben, Kochen und natürlich Wiegen. Dabei wurden die Teilnehmer von Psychologen und Ernährungstherapeuten beraten und von Ärzten medizinisch betreut.

„Das warenganz schön lange Tage. Dreieinhalb Stunden nach der Arbeit. Und dann kam noch die Fahrtzeit hinzu“, erzählt der Illertisser Elektrotechniker. Anfangs durfte Becker nur Eiweiß-Shakes zu sich nehmen. „Die Kilos purzelten und purzelten. Ich fühlte mich pudelwohl und total leistungsfähig. Ich brauchte plötzlich auch sehr wenig Schlaf.“ Später erlernte er bei den Therapiestunden komplett neue Essgewohnheiten. „Ich musste in einer Punkte-Tabelle alles aufschreiben, was ich über den Tag verteilt zu mir nahm.“ Früher aß er gern Bratwürsten und Kartoffelsalat. Doch die haben extrem viele Punkte. Deshalb kommen jetzt auch  Gemüse und Blattsalate auf den Tisch: „Kohlrabis hätte ich früher nie angerührt. Aber dann habe ich gemerkt, dass man die ja essen kann“, erzählt der 46-Jährige schmunzelnd.

Außerdem begann er mit sanften Sportarten wie Nordic Walking. Später, als Becker  unter hundert Kilogramm wog, fing er auch an, kurze Teilstrecken zu laufen: „Der Erfolg gab mir recht. Meine Laufstrecken wurden immer länger.“ Becker begann sogar für Wettkämpfe zu trainieren. Sein Ziel: Er wollte an einem Halbmarathon an der Marienburg in seiner Heimat Hannover teilnehmen. Über die 21-Kilometer-Distanz waren jedoch keine Startplätze mehr frei. Die gab es nur noch für die Marathonstrecke. Nach ein paar Tagen des Überlegens meldete er sich kurzerhand für den 42-Kilometer langen Marathon an. „Ich habe es tatsächlich geschafft mit einer passablen Zeit“, ist er stolz.

Langfristiger Erfolg

Dabei hatten ihm seine Freunde und Verwandten im Vorfeld der Therapie nicht gerade viel Mut gemacht: „Danach nimmst du eh wieder zu“, hätten sie zu ihm gesagt. Doch das war nicht der Fall. Es sei darum gegangen, dauerhaft Gewicht zu verlieren. „Deswegen ist unser Programm auch keine Diät, sondern eine Veränderung des Lebensstils“, betont Kursleiterin Heidi Müller. „Diäten bringen meist nur kurzfristigen Erfolg.“ Das war auch bei Torsten Becker früher so. Immer wieder hatte er angefangen, weniger zu essen oder auf bestimmte Speisen zu verzichten. Nach kurzer zeit gab er meist frustriert wieder auf. Erst jetzt hat sich Beckers Gewicht normalisiert und auch stabilisiert.  Es sei eines der wenigen Programme, dessen Erfolg durch wissenschaftliche Studien belegt sei, betont Müller.„Und das Gute daran: Ich musste während der Therapie nicht einmal Hunger leiden“, fügt Becker hinzu.

Dauerhaft die Essgewohnheiten ändern

Das Programm „Opti-Fast“ am Klinikum Memmingen läuft seit 2010. Neun Gruppen mit mehr als 100 Teilnehmern haben die einjährige Therapie bis jetzt durchlaufen. Die Abnehm-Willigen treffen sich an einem Abend in der Woche für drei Stunden. In den ersten drei Monaten ernähren sie sich ausschließlich von hochwertigen Eiweiß-Shakes. Dann wird langsam  aufgebaut. Das Opti-Fast Programm richtet sich an Menschen mit hohem Übergewicht, einem BM-Index höher als 30.

Die Betreuung Die Teilnehmer werden von Ärzten und Fachpersonal begleitet. Wöchentlich wird zum Beispiel gewogen und Blutdruck gemessen. Es gibt neben der medizinischen Betreuung eine Bewegungstherapie, eine psychologische Betreuung und eine Ernährungsberatung. „Ziel ist es, eine dauerhafte Veränderung der Ess- und Lebensgewohnheiten herbeizuführen“, sagt Programmleiterin Heidi Müller. Die höchste Gewichtsabnahme bisher: 70 Kilogramm.

Die Kosten Die Kosten für das Jahres-Programm belaufen sich auf 3300 Euro. Einige Krankenkassen beteiligen sich mit teils hohen Zuschüssen. Informationen unter  (08331) 70-2430 oder heidi.mueller@klinikum-memmingen.de bele

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