Natur Im Rausch der Farben

Von Beate Reuter-Manz 31.08.2018

Rot, Orange, Lila, Blau, Gelb: Auch zum Sommerausgang betört das zehn Quadratmeter kleine Beet noch durch farbige Strahlkraft. Thea Zedelmeier ist in ihrem Element: „Das Mädchenauge ergibt ein wunderschönes Orange, die Malve ein sattes Lila “, schwärmt sie und deutet auf die in voller Blüte stehenden Stauden. Darunter wuchert Oregano. Die Kräuterpflanze kann mehr, als die mediterrane Sommerküche zu verfeinern: „Dost liefert ein herrliches Maigrün!“ Für Thea Zedelmeier sind Blumen nicht nur eine Augenweide im Beet oder im Strauß, und Kräuter nicht ausschließlich eine Küchenzutat: Die Unterallgäuer Widlkräuter-Führerin stellt aus Pflanzen Farben her und gibt ihr Wissen mittlerweile in Kursen an Interessierte in ganz Deutschland weiter.

Illertissen hat einen Grundstein gelegt für dieses außergewöhnliche Hobby. Denn in ihrer zweiten Heimat, eine halbe Stunde vom Wohnhaus in Bedernau entfernt, ist Zedelmeier nicht nur die Vorsitzende des Vereins „Förderer der Gartenkultur“, sondern betreut für das Museum der Gartenkultur auch einen der 20 Themengärten auf der Jungviehweide der Staudengärtnerei Gaißmayer. Zedelmeier legte dort vor vier Jahren einen kreisrunden Farb-Garten mit etwa 50 verschiedenen Pflanzen an und betreut ihn seither als Patin. „Es blüht eigentlich immer etwas“, sagt sie. Dementsprechend gibt es auch immer etwas zu ernten: Nachschub für die Produktion von Pflanzenfarben. Zedelmeier war angetan von der ungeahnt bunten Welt, die sich ihr auftat, seit sie in einem Workshop für Kinder zufällig mit organischen Färbemitteln in Berührung kam. „Ich war vom ersten Moment an fasziniert“, blickt sie zurück. Seither experimentiert sie leidenschaftlich in der heimischen Werkstatt, verschlingt ein Fachbuch nach dem anderen, bildet sich weiter. „Du kommst da immer tiefer rein und nicht mehr raus. Es ist wie ein Farbrausch“, lacht sie und berichtet von 1260 dokumentierten Färbepflanzen weltweit. Als einzigartig empfindet sie die Tiefe und Schönheit der Naturfarben. „Selbst wenn man alle zusammenmischt, bleibt eine große Harmonie!“ Die Farben stellt sie durch Auskochen, aber auch durch Mörsen oder bei Obst und Gemüse durch Entsaften her. Ihre allerliebsten: das Zitronengelb der Birke und das Purpur-Rot, das  die Wurzel des unscheinbaren Krapp nach drei Jahren hergibt. „Der Färberkrapp spielte von der Antike bis zur Entdeckung der synthetischen Herstellung von Alizarin eine zentrale Rolle in Europa und im Mittelmeergebiet“, weiß Zedelmeier. Begeistert erzählt sie von Krapp’schen Farbresten in Tutanchamuns Gürtel und vom mittelalterlichen Erfurt, das durch den Handel mit Waid, der wichtigsten Färbepflanze für textiles Blau im Mittelalter, reich wurde und deshalb die erste deutsche Universität bauen konnte.

Kürzlich bekam Zedelmeier Post aus Essen. Der Inhalt des Briefes ließ sie „Luftsprünge machen“. Das Illertisser Färbepflanzen-Kabinett erhält nämlich eine seltene Auszeichnung. Das Beet wurde aufgenommen in das weltweite Färbergarten-Netzwerk „sevengardens“, das der Künstlers Peter Reichenbach initiiert hat. Die Unesco wiederum hat „sevengardens“ als offizielle Maßnahme in das Dekaden-Projekt „Biologische Vielfalt“ (2011 bis 2020) aufgenommen.

Gelistet als UN-Dekaden-Projekt

700 Gärten auf der Erdkugel erfüllen die Ansprüche. „Garten der Farben in Illertissen ist nun also Teil eines globalen UN-Dekaden-Projekts. Was für eine Anerkennung!“, freut sich Dieter Gaißmayer von der Staudengärtnerei für seine naturbegeisterte Freundin. „Wenn es eine verdient hat, dann sie.“ Viel Wissen und Herzblut habe Zedelmeier in diesen besonderen Themengarten gesteckt.

Sevensgarden: Aus sieben Gärten wurden 700

Das Netzwerk Das vom Essener Künstler Peter Reichenbach begründete Bildungsprojekt wuchs schnell zu einem weltweiten Netzwerk heran. Es umspannt Europa, Afrika, Asien und Südamerika. Überall will es Menschen dazu anstiften, Pflanzen und ihre Eigenschaften wertzuschätzen und die Artenvielfalt zu erhalten. Rund um das Netzwerk entstanden Lernorte und neue Wirtschaftskreisläufe, zum Beispiel Produktion und Verkauf von Kosmetik, Textil- oder Druckfarbe. Reichenbach zählt außerdem Farbexperten auf, die an der Uni Johannesburg die Herstellung von Naturfarben lehren, die Stoffe weben und färben oder Grußkarten für Touristen bemalen. Auch die Unesco schätzt diese wertvolle Arbeit und listet „sevengardens“ in gleich zwei UN-Projekten.

Der Name Aus einst sieben Lehrgärten, deren Gründung eine Zen-Meisterin Künstler Reichenbach auftrug, sind heute mehr als 700 geworden. Der Name „sevengardens“ blieb.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel