Illertissen / BEATE REUTER-MANZ  Uhr
Vor zwei Jahren erst eingezogen, schon wieder zu klein: Die Kleiderkammer der Illertisser Tafel platzt aus den Nähten - auch weil viele Flüchtlinge zu bedienen sind. Der Kulturausschuss machte sich ein Bild.

Mehrere Hundert Kleidungsstücke wechseln in der Kleiderkammer des Vereins "Illertisser Tafel" jede Woche den Besitzer. "8000 im Jahr? Das könnte schon hinkommen", bestätigte Ulrike Tiefenbach ein Rechenexempel von Stadtrat Dr. Ansgar Batzner. Mit einer solchen Größenordnung hatten die Mitglieder des Kulturausschusses nicht gerechnet, als sie der Kleiderkammer in der Josef-Lumper-Straße am Donnerstag einen Besuch abstatteten. In der "Kinderboutique", wo Tiefenbach und langjährige Mitstreiterinnen ihre Gäste empfingen, herrschte Enge. "So voll ist es in letzter Zeit oft bei uns", wies die Vereinsvorsitzende auf ein Problem hin. Vor zwei Jahren erst hat der Verein die ehemalige Sozialwohnung im ersten Stock bezogen, nachdem die "luxuriöse und großzügige Unterkunft" im alten Gesundheitsamt wegen Verkaufs nicht mehr zur Verfügung stand. Die Stadt sprang als Vermieterin die Bresche. Denn die Suche nach geeigneten Örtlichkeiten gestaltete sich schwierig: "Gewerbliche Mietpreise können wir nicht bezahlen", betont Tiefenbach.

Auf etwa 60 Quadratmeter gibt es drei Verkaufsräume: für Kinder, Männer und Frauen. Die gebrauchten Kleidungsstücke sind fein säuberlich in Regale und Kisten gestapelt oder hängen an mobilen Stangen. Mitte des vergangenen Jahres sei man "regelrecht überrannt" worden von Bedürftigen, berichtete Tiefenbach dem Gremium. So sehr, dass die 60 freiwilligen Helfer, die neben dem Kleiderladen auch den Lebensmittelverkauf im Tafelladen betreuen, an ihre Grenzen stießen. Nach einem öffentlichen Aufruf kamen weitere 20 Freiwillige dazu. "Seither können wir es wieder einigermaßen stemmen", sagt Tiefenbach. Als der Kleiderladen 2004 öffnete, klopften zumeist Arbeitslose an. Heute gehören zur Kundschaft Rentner, Flüchtlinge, Alleinerziehende aber auch "ganz normale" Familien, nämlich dann, "wenn der Verdienst des Familienvaters nicht zum Leben reicht, obwohl die Ehefrau noch putzen geht", erzählt die 50-Jährige von mitunter traurigen Schicksalen. "Manchmal glaubt man nicht, dass es so etwas in unserem reichen Land überhaupt gibt."

Die Kleiderspenden kommen aus Illertissen und Umgebung, erfuhren die Stadträte. Die Pakete, die Spender bringen, müssen noch ein Stockwerk höher gewuchtet werden. Mangels Platz sortieren die Frauen im kalten Dachboden. "Das Sortieren ist die größte Arbeit", berichtet Hedwig Bösze. Verdrecktes, Kaputtes oder komplett aus der Facon und Mode Gekommenes wandert direkt in den Container. "Wir wollen ja, dass die Leute anständig angezogen sind und sich wohlfühlen", sagt die langjährige Mitarbeiterin. Was später keinen Abnehmer findet, geht an eine Kleiderkammer in Ungarn, mit der die Illertisser freundschaftlich verbunden sind. Der Transport wird von Ungarn aus organisiert. Die Kunden in Illertissen zahlen einen symbolischen Betrag: Eine Hose kostet beispielsweise 1,50 Euro. In der Kleiderkammer gehe es nicht so streng zu, beantwortete Tiefenbach die Frage von Susanne Kränzle-Riedl, die wissen wollte, wie die Bedürftigkeit der Kundschaft kontrolliert werde. "80 bis 90 Prozent, die hier einkaufen, sind auch Tafel-Kunden", ließ Tiefenbach wissen. Im Tafelladen beim Rathaus, dem zweiten Hilfsdienst des Vereins, lässt sich Tiefenbach Verdienstbescheinigungen vorlegen. Eingesammelt werden die Lebensmittel in Supermärkten, Bäckereien und Metzgereien in Altenstadt, Vöhringen, Dietenheim und Illertissen. Diese Kommunen ergeben auch das große Einzugsgebiet. An Öffnungstagen warten mitunter bis zu 100 Menschen auf einen kostenfreien Einkauf.

"Das ist eine großartige Leistung. Die Stadt könnte das nie stemmen", sagte Bürgermeister Jürgen Eisen und sprach damit den Ausschussmitgliedern aus dem Herzen, auch wenn er eine Verbesserung der räumlichen Situation vorerst nicht in Aussicht stellen konnte. "Wir haben nichts Geeignetes". Sein Lob verband der Rathaus-Chef mit einem dicken Dankeschön an die Helfer. Denn die bringen es, wie der Schulamtsleiter und gelernte Mathematiklehrer Batzner flugs hochgerechnet hatte, auf vermutlich 12 000 Einsatzstunden pro Jahr, "eine gesamtgesellschaftliche Riesenleistung."

Info Die Kleiderkammer hat jeden ersten und dritten Dienstag von 9 bis 11.30 Uhr und jeden zweiten und vierten Dienstag von 15 bis 17.30 Uhr geöffnet. Derzeit besonders gefragt sind schmale Hosen und Jacken für Männer in dunklen Farben.

80 Helfer setzen sich ein

Der Verein "Illertisser Tafel", der auch die Kleiderkammer betreibt, hat rund 40 zahlende Mitglieder und finanziert sich hauptsächlich über Spenden. 80 ehrenamtliche Helfer, für die regelmäßig sieben Dienstpläne geschrieben werden müssen, leisten täglich Fahrdienste, um Lebensmittel zu besorgen. Sie sortieren Kleidung und verkaufen an den Öffnungstagen im Tafelladen und in der Kleiderkammer.