Hobby Illertisser Fallschirmspringer werden Weltmeister

Illertissen / Bianca Frieß 17.05.2018

In 4000 Metern Höhe geht die Tür auf, Luft strömt ins Flugzeug. Vier Männer drängen sich am Eingang aneinander. Plötzlich stoßen sie sich ab, springen hinaus. Rund 45 Sekunden dauert der freie Fall. Die vier Fallschirmspringer bilden einen Kreis, halten sich gegenseitig an Händen und Füßen fest. Dann drehen sie sich in der Luft, bilden immer neue Formationen. Schließlich öffnen sich die Fallschirme – und die Männer gleiten langsam zu Boden.

Einer von ihnen heißt Robert Trögele. Der 63-Jährige aus Söflingen trainiert auf dem Flugplatz in Illertissen gerade mit der Nachwuchsgruppe des Vereins Paranodon. Im April hat er mit seinem „Skydiver over 60“-Team in Australien den Weltmeistertitel geholt. Die Fallschirmspringer – alle mindestens 60 Jahre alt – haben sich gegen 21 andere Nationen durchgesetzt. „Da sind wir natürlich schon stolz drauf. Vor allem, dass wir das von unserem Platz in Illertissen aus geschafft haben“, sagt Trögele. Es ist schon der zweite Titel in Folge: Auch bei der WM vor zwei Jahren im thüringischen Eisenach hat das Team gewonnen.

Trögele und sein Team springen in Vierer-Formationen. Im freien Fall bilden sie Figuren, die ihnen kurz zuvor zugelost werden. „Es geht dann darum, diese in den 45 Sekunden Arbeitszeit so oft wie möglich zu wiederholen“, erklärt der Team-Kapitän. Und zwar in sechs verschiedenen Durchgängen mit je vier Formationen. Ein Kameramann als fünftes Teammitglied filmt alles, die Schiedsrichter bewerten den Sprung dann anhand des Videos.

Trögele macht den Sport schon seit 41 Jahren – er blickt auf 10 400 Sprünge aus dem Flugzeug zurück. „Vor vielen Jahren hab ich hier in Illertissen gelernt“, sagt er. Jugendliche ab 14 Jahren können mit der Ausbildung anfangen, den Fallschirmsprung-Schein gibt es aber erst mit 16. Solange müssen die Schüler unter der Aufsicht eines Lehrers springen.

Was das schöne an seinem Hobby ist? „Mit dem eigenen Körper in hoher Geschwindigkeit zu fliegen und dabei komplexe Formationen zu machen“, sagt Trögele. Das erfordere extreme Konzentration und Körperbeherrschung im freien Fall. Je länger Trögele über sein Hobby spricht, desto breiter wird das Lachen auf seinem Gesicht. Der 63-Jährige arbeitet in Ulm als selbstständiger Managementberater. Seine Freizeit, die Wochenenden, verbringt er zu einem großen Teil auf dem Flugplatz.

Gerade bereitet er sich mit dem Nachwuchsteam Futura auf die ersten Wettbewerbe in diesem Sommer vor. Die vier Mitglieder sind zwischen 15 und 30 Jahre alt, springen seit etwa einem Jahr zusammen. Bevor sie ins Flugzeug steigen, gibt es nochmal eine Trockenübung: Sie stellen sich auf ein Metallgestell, springen ab, üben auf dem Boden ihre Formationen.

In der Luft ist das eine besondere Herausforderung. „Jeder hat für sich seine eigene Fallphysik“, erklärt Thomas Altendorfer. „Wir müssen aber zusammen arbeiten, da muss jeder ein bisschen was dazutun.“ Der 25-Jährige ist über seine Familie zu dem Sport gekommen, auch sein Vater ist lange gesprungen. „Es ist einfach toll, mit dem eigenen Körper in der Luft zu fliegen“, sagt er.

Ein teures Hobby

Altendorfer wohnt in der Nähe von München, fährt von dort aus jedes Mal zum Training nach Illertissen – wie auch sein Teamkollege Ernest Lech. „Das ist ein toller Platz hier“, sagt der 23-Jährige. „Wenn man springen möchte, kommt man auch immer zum Zug.“ Teams aus ganz Deutschland, aus der Schweiz und Österreich kommen zum Training in die Vöhlinstadt, auf dem Flugplatz ist am Wochenende viel los. Der Verein habe sich aufs Sportspringen spezialisiert, erklärt Trögele. Kommerzielle Tandemsprünge gibt es hier dagegen nur selten. „Wir entwickeln wirklich Hochleistungssportler, die international auch sehr weit kommen.“

Das Hobby kann aber auch ziemlich teuer werden, erzählt Lech. Ein einzelner Sprung kostet 29 Euro, in größeren Paketen ein bisschen weniger. „An einem Wochenende kann man da schon mal 200 Euro loswerden“, sagt der 23-Jährige. Wobei der Verein Paranodon seine Teams auch unterstützt – „besonders was das Coaching und die Ausrüstung angeht“, berichtet Trögele.

Kurze Zeit später sitzt er mit dem Futura-Team schon wieder im Flugzeug. Es hebt ab, bricht nach ein paar Minuten durch die Wolkendecke. Am Horizont sind die Alpen im strahlenden Sonnenschein zu erkennen. Auch der Aufstieg ist schon ein Erlebnis, meint Altendorfer. „Das macht einfach riesig Spaß.“

Ausbildung gliedert sich in sieben Stufen

Methode „Accelerated Freefall“ (AFF), zu Deutsch „beschleunigter Freifall“, gilt als die derzeit effektivste Ausbildungsmethode im Fallschirmsport. Dabei fokussiert man sich von Anfang an auf den kontrollierten freien Fall.

Level Gegliedert ist die AFF-Ausbildung in sieben Leistungsstufen, die im Idealfall in sieben Sprüngen absolviert werden. Beim ersten Sprung halten zwei Lehrer den Schüler fest, bis der Fallschirm in 1500 Metern Höhe geöffnet wird. Von Sprung zu Sprung werden die Anforderungen gesteigert, schon beim dritten Level wird der Schüler von den Lehrern losgelassen.

Lizenz Um schließlich die Lizenz zu erwerben, müssen die Fallschirmspringer eine theoretische und praktische Prüfung bestehen.