Diakonie Illertissen: „Legal Highs“ auf dem Vormarsch

Illertissen / Bianca Frieß 07.05.2018

Eine offene Drogenszene gibt es in Illertissen nicht – „was nicht heißt, dass grundsätzlich keine Drogen im Umlauf wären“, sagte Doris Knak, Leiterin der Sucht- und Drogenberatung der Diakonie Neu-Ulm, bei der Vorstellung des Jahresberichts. Es gebe in der Vöhlinstadt aber keine einschlägigen Plätze wie den Karlsplatz in Ulm. Stattdessen blieben die Drogenabhängigen unter sich.

Insgesamt wandten sich im vergangenen Jahr 118 Personen an die Beratungsstelle „Drob Inn“ in Illertissen – zehn mehr als im Vorjahr. Die meisten erfahren durch Mundpropaganda von dem Büro, werden von Ärzten oder Ämtern überwiesen. In manchen Fällen, vor allem bei Jugendlichen, entsteht der Kontakt auch über eine Streetworkerin.

Das größte Problem sind nach wie vor „harte Drogen“: vor allem Opiate wie etwa Heroin. 2017 kamen 50 Menschen wegen ihrer Opiat-Abhängigkeit ins „Drob Inn“. Immer mehr in den Mittelpunkt der Beratungen rücken aber auch „Neue psychoaktive Substanzen“ (NPS), dazu gehören so genannte „Legal Highs“. Also vermeintlich harmlose Produkte, die leicht über das Internet zu besorgen sind. Oft werden sie etwa als Badesalze oder Kräutermischungen angeboten.

Wirkung ist unberechenbar

Das Gefährliche: Die Wirkung dieser Drogen sei unkalkulierbar – oft sei unklar, welche Wirkstoffe genau enthalten sind. „Diese Substanzen sind auf dem Vormarsch, das ist wirklich besorgniserregend“, sagte Knak. NPS würden sowohl von langjährigen Konsumenten als auch von Neueinsteigern eingenommen. In der Illertisser Beratungsstelle wurden im vergangenen Jahr 41 Betreuungen gezählt, bei denen es um NPS-Konsum ging.

Manchmal bringe die Drogenabhängigkeit auch ein weiteres Problem mit sich: Obdachlosigkeit. „Das ist mittlerweile auch in kleineren Städten Thema, das wird immer mehr“, berichtete Knak – auch in Illertissen. Im „Drob Inn“ wurden 2017 elf Menschen betreut, die von Obdachlosigkeit bedroht waren. Die Berater helfen bei der Wohnungssuche, begleiten die Betroffenen auf Ämter oder zur Obdachlosenhilfe. „Aber bezahlbaren Wohnraum zu finden, ist auch für uns kolossal schwierig“, sagte die Leiterin.

Auch in der Beratungsstelle selbst gibt es Veränderungen: Momentan ist das Büro nicht besetzt: Beraterin Pia Mang ist im Mutterschutz, anschließend in Elternzeit. Schon seit Anfang des Jahres durfte sie wegen eines Beschäftigungsverbots des Gewerbeaufsichtsamts alleine keine offenen Sprechstunden mehr anbieten und wurde deshalb in die Hauptstelle der Diakonie in Neu-Ulm versetzt – von dort wird das Illertisser Büro zurzeit vertreten.

Die Stelle in Illertissen wurde aber schon nachbesetzt: Am 1. Juni fängt eine neue Kollegin an. Sie wird einiges zu tun haben: Streetwork soll in diesem Jahr weiter etabliert werden. Auf dem Programm steht auch ein Präventionsprojekt mit Neuntklässlern der Erhard-Vöhlin-Mittelschule, außerdem eine Veranstaltung für Auszubildende und Studenten der Firma Wieland, berichtete Knak: „Und nach wie vor ist Präventionsarbeit bezüglich Legal Highs geplant.“

Ungerechte Finanzierung?

Stelle Die Drogenberatungsstelle in Illertissen umfasst 100 Prozent. 25 Prozent werden von der Stadt Illertissen für Streetwork finanziert, 75 Prozent vom Bezirk Schwaben für Beratung und psychosoziale Begleitung.

Büros Außer der Illertisser Beratungsstelle hat die Diakonie Neu-Ulm auch je ein Büro in Vöhringen und Senden. Diese Städte beteiligen sich auch an der Finanzierung der Drogenberatung – „und alle anderen Kommunen im Landkreis profitieren davon“, sagte Illertissens Bürgermeister Jürgen Eisen. Er forderte eine gerechtere Lösung.

Vertrag Die Diakonie möchte dazu einen Termin mit allen Bürgermeistern und dem Landrat vereinbaren, berichtete Mitarbeiterin Jenny Wiegert-Schartmann. Man wolle über eine Neustrukturierung des Vertrags verhandeln. „Um die Kosten auf den Schultern aller sinnvoll zu verteilen.“