Unterfahlheim Hilfsbereit rund um die Uhr

Unterfahlheim / MIRANDA TIEPERMANN 06.07.2013
Wer schreibt die Jubiläumschronik? Wer hilft bei der Wahl? Wer repariert die Jesusstatue? Seit Jahrzehnten sind Irmgard und Albert Müller die Anlaufstelle schlechthin, wenn Hilfe benötigt wird.

Im Unterfahlheimer Weidenweg steht das Straßenschild "Irmgard-Müller-Platz" - direkt vor dem Haus von Irmgard und Albert Müller. Doch das Schild ist mehr als nur Spaß. Als Irmgard Müller vor sieben Jahren in Rente ging und ihre Arbeit im Nersinger Einwohnermeldeamt beendete, bedankte sich die Gemeinde mit dem Geschenk für ihr außergewöhnliches Engagement.

21 Jahre war sie dort tätig, ihr Zu-hause galt längst als "Außenstelle Fahlheim", die nahezu 24 Stunden geöffnet hatte. Vielen Familien hatte sie unbürokratisch den Urlaub gerettet und in letzter Sekunde einen gültigen, vorläufigen Pass ausgestellt. "Ich habe dabei schon die tollsten Sachen erlebt. Einmal stand morgens um halb vier eine verzweifelte Familie auf dem Weg in den Urlaub vor meiner Tür", erinnert sich die 66-jährige Rentnerin.

Irmgard Müller, die 1968 nach Unterfahlheim zog, heiratete mit Albert Müller einen Mann, der zu der Zeit bereits in drei Vereinen aktiv war. Und da auch sie schon in Unterelchingen Vereinserfahrung gesammelt hatte, gehörte ehrenamtliches Engagement ganz selbstverständlich dazu. Seit 43 Jahren ist Irmgard Müller im Unterfahlheimer Schützenverein aktiv, seit 1975 im Vorstand. 20 Jahre lang leitete sie bis 1998 die 25-köpfige Damenriege und war acht Jahre lang Gau-Damenleiterin.

Als ihr Mann 1984 den Gartenbauverein ins Leben rief, war sie wieder mit dabei. Seit drei Jahren ist sie Schriftführerin im Vorstand. Alle großen Jubiläen hatte sie zusammen mit ihrem Mann in den verschiedenen Vereinen federführend organisiert. Da sie sich nicht nur als Organisatorin, sondern auch als zuverlässige "Schreiberin" schnell einen Namen machte, mangelte es nie an ehrenamtlichen Aufgaben. Ob Jubiläum beim Schützenverein, bei der Feuerwehr oder der Kirche: Wer schreibt die Chronik? Die Reden für den Vorstand? Die Predigtvorlage für den Festtagsgottesdienst? Natürlich Irmgard Müller. Die "größte Herausforderung" bescherte ihr 1977 Pfarrer Adolf Kretschmer zum 500-jährigen Bestehen der Kirche St. Dionysius.

Irmgard Müller erinnert sich noch gut: "Eines Tages stand er mit einem Stapel Bücher vor meiner Tür und sagte: Übermorgen müssen acht Seiten Chronik fertig sein." Sie schaffte es und ist noch heute in der Kirche aktiv.; seit 16 Jahren ist sie im Pfarrgemeinderat. Bei jedem Dorffest kümmert sie sich um die Kuchentheke. Aber nicht nur bei Festen ist sie eine feste Größe. Seit 1984 übernimmt sie bei jeder politischen Wahl die Aufgabe der Schriftführerin im örtlichen Wahllokal - so auch heuer im September. Und der Freundeskreis? Der freut sich ganz besonders über ihr Organisationstalent bei Ausflügen und ihre poetischen Beiträge bei runden Geburtstagen.

Nicht minder beeindruckend ist das Engagement von Albert Müller. Genau genommen müssten beide Namen auf dem Straßenschild vor dem Haus stehen. Der 71-Jährige ist seit 58 Jahren im Unterfahlheimer Schützenverein aktiv und seit 24 Jahren Vorstand. Er war jahrelang Vorstand der Schützenkapelle, dem Vorläufer des Musikvereins.

Vor 30 Jahren gründete er den Gartenbauverein Fahlheim-Straß-Nersingen, seit sechs Jahren ist er auch dort Vorsitzender. Er war in vielen weiteren Vereinen tätig, darunter in der Arbeiterwohlfahrt und der Jugendfeuerwehr. Von 1972 bis zur Gemeindereform 1978 war Albert Müller im Fahlheimer Gemeinderat aktiv und setzte sich darüber hinaus für den Nachwuchs ein. So initiierte er Anfang der 1970er Jahre das Projekt Kinderspielplatz am Bahnhof und war zehn Jahre lang Elternbeiratsvorsitzender in der Fahlheimer Schule.

Ihm ist es beispielsweise zu verdanken, dass ein Schultelefon eingerichtet und ein Feuerlöscher angeschafft wurde. Der gelernte Werkzeugmachermeister ist aber auch aufgrund seiner handwerklichen Fähigkeiten sehr gefragt. Ob ein beschädigtes Kreuz oder eine Jesusfigur mit abgebrochenem Arm: Albert Müller hat immer ein offenes Ohr für den Pfarrer. Auch so manche Uhr und so manches Radio hat er im Freundeskreis repariert, was ihm die Spitznamen "Uhrologe" und "Radiologe" einbrachte.

Mindestens einen Tag pro Woche reservieren die Müllers für ehrenamtliche Tätigkeiten. Doch es geht nicht nur um die Stundenzahl, sondern auch darum, dass geholfen wird, wenn es drauf ankommt. So wohnte 24 Jahre lang ein kroatisches Ehepaar in ihrem Haus. Während des Balkankriegs beherbergten sie zusätzlich bis zu acht Kinder aus den Krisengebieten.

Ruhestand ist für beide bis heute ein Fremdwort. "Manchmal würden wir uns schon wünschen, dass es etwas ruhiger wird, aber Helfen gehört zu unserem Leben einfach dazu", erklärt Albert Müller lächelnd. "Dann hätte ich auch endlich Zeit, ein Büchlein mit allen Geburtstagsgedichten herauszugeben", sagt Irmgard Müller.

Doch der Traum muss noch warten. Ihr Schreibtisch ist schon wieder mit neuen Projekten voll. Derzeit schreibt sie an einem kleinen Kirchenführer mit dem Titel "Filialkirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit in Unterfahlheim seit 1754". Zudem wirft das nächste große Jubiläum - 90 Jahre Schützenverein Unterfahlheim - seine Schatten voraus. Hinzukommt die Vereinsarbeit. Trotzdem ist die Arbeit nicht alles: "Wenn unsere Kinder oder Enkelkinder uns brauchen, lassen wir alles stehen und liegen. Sie sind das Wichtigste in unserem Leben", sagt Irmgard Müller.

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