Holzheim High-Tech-Umbau: Kammeltal-Käfer als Elektro-Auto

Holzheim / MICHAEL JANJANIN 02.08.2013
Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht: Kurt Ihle aus Holzheim hat mit seinen Söhnen einen Käfer zu einem Elektroauto umgebaut. Die Ingenieure des Tüv sind von der Umsetzung beeindruckt.

Der Nachbar von Kurt Ihle aus Holzheim im Landkreis Neu-Ulm hat nun keinen Weckdienst mehr: Wenn der 53-jährige Textilingenieur und Käfer-Hobbyschrauber künftig morgens um 7.30 Uhr zu seiner Arbeitsstelle nach Erbach aufbricht, röhrt kein Verbrennungsmotor mehr, der dem Mitmenschen anzeigt aufzustehen. Wenn Kurt Ihle den Zündschlüssel umdreht, ist aus dem Motorraum seines Käfers, Baujahr 1972, nur ein gedämpftes Knacken zu hören. Das ist das Zeichen, dass dem neuen Antrieb des Wagens Strom zur Verfügung steht. Bis zu 500 Ampere dürfen fließen.

Kurt Ihle hat zusammen mit seinen Söhnen Andreas (24) und Alexander (26) das betagte Fahrzeug zu einem Elektroauto umgebaut - mit Segen und Glückwunsch des Tüv. Sobald er aufs Gaspedal drückt, setzt sich der Wagen mit einem leisen Säuseln in Bewegung. Na ja, Gaspedal sei inzwischen nicht mehr der richtige Ausdruck. Aber wer sagt schon gerne Stromzuflussregler. "Er sieht aus und funktioniert wie ein Pedal, das eine Nähmaschine steuert", ergänzt Ihle. Vor einem Jahr hat er einen der Millionen Mal gebauten Volkswagen-Dauerläufer erworben. "Eine Dame aus dem Kammeltal hat uns den ursprünglich nach Österreich gelieferten Käfer unter Tränen verkauft." 180 000 Kilometer hatte der Wagen drauf - und war weit entfernt davon, eine Tüv-Prüfung zu überstehen. Nicht mal mit Verbrennungsmotor.

Gekauft hat ihn Ihle schon damals mit dem Hintergedanken, das Fahrzeug in eine Elektro-Zukunft überzuleiten. "Wir haben eine Photovoltaikanlage." Die Idee: Den daraus gewonnenen Strom nicht nur einzuspeisen, sondern auch für die eigene Mobilität zu nutzen. Mit Lenkung, Bremsen, Stoßdämpfern und den anderen vielen mechanischen Bauteilen, die es zu richten galt, kennt sich Hobby-Schrauber Kurt Ihle aus. Ein Jahr verbrachte er viele Abende nicht mit Frau Elisabeth sondern mit dem künftigen E-Käfer.

Für die stromführenden Bauteile war Sohn Andreas zuständig. Der Elektrotechniker ist vom Fach - und ging die Aufgabe mit hohem Anspruch an. "Wir wollten ja nicht einfach ein Gefährt bauen, das so ein bissel herumfährt." Die Elektronik ist vom Feinsten. Der Motor von Linde arbeitet sonst in Gabelstaplern, hat eine Leistung von 16,5 KW und beschleunigt den Käfer auf 110 Stundenkilometer. "Das Drehmoment ist sofort da", sagt Andreas Ihle. Das heißt: voller Schub von Anfang an. Zudem sei er absolut wartungsfrei. Das Herzstück des Elektro-Käfers sind jedoch die Akkumulatoren. "30 Lithium-Eisen-Polymer-Akkus der neuesten Generation", sagt Sohn Andreas. Die Augen leuchten. Von einer Plexiglas-Scheibe geschützt, sind die Speicher an der Stelle montiert, an der früher die mit weinrotem Leder überzogene rückwärtige Sitzbank war. Die Speicherkapazität reicht für rund 100 Kilometer. Soweit zu den Basis-Daten. Dann geht es ans Eingemachte. Über den Akkus des Elektro-Käfers sind fein säuberlich kleine Platinen mit jeweils einem kleinen grauen Kästchen von der Größe eines Zwei-Euro-Stücks verschraubt. "Das sind die Mikro-Controller, die das System in der Balance halten." Sie sind dafür zuständig, dass die einzelnen Zellen beim Aufladen und im Betrieb keine unterschiedliche Spannung aufweisen - das ganze System hat eine Spannung von 100 Volt. "Es geht darum, dafür zu sorgen, dass nicht eine Zelle ganz voll und der Nachbar dafür leer ist."

Am Elektromotor war wieder Vater Kurt als Mechaniker gefragt: Der Antrieb ist über eine Stahlscheibe ans Getriebe angeflanscht. Dazwischen sind die neu ausgewuchteten Schwung- und Trennscheiben der Kupplung untergebracht. Wichtig war ihnen, dass das System den Anforderungen an die Sicherheit entspricht. "Hier wurden wir von Anfang an vom Tüv betreut, der in Neu-Ulm den ersten Elektro-Umbau zu beurteilen hatte." So war wichtig, dass die Akkumulatoren fest und überschlagsicher sitzen. "Da kann man nicht einfach wild im Chassis herumbohren, sondern muss bestehende Befestigungsmöglichkeiten nutzen." Mit ihrer Sorgfalt haben die Ihle-Schrauber auch die Tüv-Prüfer überzeugt: Am vergangenen Freitag waren sie dort - die Prüfung verlief ohne Mängel. Und seit Dienstag fährt der Käfer mit der Zulassung NU-EK 72 für zehn Jahre steuerfrei und fast geräuschlos über die Lande.

Möglichst ein einfach aufgebautes Fahrzeug umrüsten