Die Meldung klingt lapidar: "Block C des Kernkraftwerks Gundremmingen nach einer Reaktorschnellabschaltung vorübergehend vom Netz gegangen." Das teilte das Kernkraftwerk am Mittwochmittag mit. Auslöser für die automatische Schnellabschaltung seien die Revisionsarbeiten am benachbarten Block B gewesen. Dieser ist bereits seit vergangenem Samstag vom Netz wegen der planmäßigen Revision und einem Brennelementewechsel. Laut der Mitteilung sei wegen der Arbeiten dort die Druckluftversorgung des Reaktors in Block C unterbrochen worden: "Das Sicherheitkonzept sieht für diesen Fall die automatisch angeregte Reaktorschnellabschaltung vor, die ordnungsgemäß erfolgt ist." Eine Gefahr für Mitarbeiter, Anlage oder die Umgebung seien mit "dem Ereignis" entstanden nicht.

Besagtes Ereignis führte aber dazu, dass Deutschlands größtes Atomkraftwerk am Mittwoch über mehrere Stunden keinen Strom produzierte. Die Versorgung in Bayern brach dennoch nicht zusammen, obwohl das Kernkraft Gundremmingen laut eigener Internetseite ein Viertel des bayerischen Strombedarfs abdeckt. "Der Ausfall eines Kraftwerks bedeutet nicht, dass gleich eine ganze Region im Dunkeln sitzt", sagte Andreas Preuß, Pressesprecher des Unternehmens Amprion, das einen Teil des bayerischen Stromnetzes betreibt. Für solche Ausfälle stehen laut Preuß europaweit immer 3000 Megawatt Strom bereit, die dann abgerufen werden können.

Die Pressestelle des Kernkraftwerks liefert zwar eine Erklärung, was passiert ist. Die Ursachen dafür aber sind noch unklar: "Um das herauszufinden, wird der genaue Ablauf derzeit überprüft", sagte Pressesprecher Tobias Schmidt auf Anfrage. Für jeden der beiden 1344-Megawatt-Blöcke stehen laut Schmidt mehrere so genannte Schnellabschalt-Tanks zur Verfügung, die mit Wasser und Stickstoff gefüllt sind. Diese Tanks stehen unter Druck und werden mit Druckventilen gesteuert. "Bei der Schnellabschaltung ging der Druck weg, die Ventile haben sich geöffnet ", erklärt Schmidt. Das Wasser aus den Tanks drückte daraufhin die 193 Steuerstäbe zwischen die 784 Brennelemente - innerhalb von Sekunden war der Reaktor abgeschaltet. Warum die Druckluft im Block C weg war, das ist noch nicht geklärt, zumal Schmidt betont, dass die beiden Systeme von Block B und C getrennt voneinander arbeiten.

Greifen Schutzeinrichtungen automatisch in den Betrieb eines Kernkraftwerks ein, besteht eine Meldepflicht gegenüber der Aufsichtsbehörde. Das zuständige bayerische Umweltministerium sei informiert, sagte Tobias Schmidt. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand sei der Zwischenfall nach dem deutschen Meldesystem in die Kategorie N für "normal" einzuordnen, in der internationalen Bewertungsskala auf der niedrigsten Stufe 0 - das bedeute keine oder geringe sicherheitstechnische Bedeutung.

Das Umweltministerium in München teilte am Mittwochabend auf Anfrage mit: "Es bestand zu keiner Zeit eine Gefahr für Mensch und Umwelt. Der Betreiber hat die Aufsichtsbehörde unmittelbar über das Ereignis informiert. Die Untersuchung des Ereignisses durch den Betreiber dauert derzeit noch an, anschließend kann der Reaktor wieder angefahren werden." Eine eigene Einschätzung des gestrigen Vorfalls gibt die Behörde nicht ab.

Die Betreiberin, die Kernkraftwerk Gundremmingen GmbH (sie gehört zu 75 Prozent RWE und zu 25 Prozent Eon), hat am Mittwochabend nach eigenen Angaben damit begonnen, Reaktorblock C hochzufahren und wieder ans Netz zu bringen.

Die Kernkraftgegner des Forums "Gemeinsam gegen das Zwischenlager" sehen sich durch den Vorfall in ihrer Einschätzung bestätigt, dass "die beiden letzten Siedewasserreaktoren Deutschlands alt und anfällig sind". Einen solchen Zwischenfall "hat es unserer Erinnerung nach" in dem 1984 in Betrieb gegangenen Kernkraftwerk Gundremmingen noch nie gegeben, schreibt Raimund Kamm, Vorsitzender des Forums. Nirgendwo in Deutschland werden seinen Angaben zufolge noch zwei Siedewasserreaktoren an einem Standort betrieben. Zwei Lehren aus der atomaren Katastrophe von Fukushima, wo auch Siedewasserreaktoren betrieben wurden, seien: "Unfälle in einem Reaktor können auch benachbarte Reaktoren in Mitleidenschaft ziehen. Und Siedewasserreaktoren, die nur einen Hauptkühlkreislauf haben und deren Abklingbecken nicht durch den Sicherheitsbehälter geschützt werden, sind besonders riskant."

Kamm: Nicht zuletzt widerlege der gestrige Zwischenfall die Aussage einer Studie von vier bayerischen Industrie-und Handelskammern. In der Studie "Stromdatenerhebung" werde der Eindruck erweckt, dass das Atomkraft Gundremmingen im Gegensatz zu Erneuerbaren Energien Versorgungssicherheit biete.

"Zwischen beiden Blöcken darf es keine systemtechnischen Verknüpfungen geben"

Zweifel Dass infolge von Revisionsarbeiten am Reaktorblock B des Atomkraftwerks Gundremmingen die Druckluftversorgung des Reaktorblocks C ausgefallen ist, kann Dieter Majer nicht nachvollziehen. Der Diplomingenieur war bis 2011 Leiter der Abteilung Sicherheit kerntechnischer Anlagen im Bundesumweltministerium. "Das Abschaltsystem eines Reaktors darf durch den Reaktor des Nachbarblockes nicht beeinträchtigt werden", schreibt Majer in einer Stellungnahme. "Zwischen beiden Blöcken darf es keine systemtechnischen Verknüpfungen geben", so der Atomkraftwerksexperte weiter. Er weist zudem darauf hin, dass das Schnellabschaltsystem zu den wichtigsten Einrichtungen eines Reaktors gehöre und völlig unabhängig betrieben werden müsse. Die erfolgte Schnellabschaltung des Blocks C hält Majer für ein zusätzliches Problem. "Dies kommt einer Vollbremsung gleich - mit erheblichen Belastungen der gesamten Anlage und dem gesteigerten Risiko, dass bei der Schnellabschaltung zusätzliche Sicherheitsprobleme auftreten."

Risiko Generell betont der Experte Majer, dass so genannte Doppelblockanlagen - in Deutschland gibt es diese nur noch in Gundremmingen - durch mögliche Wechselwirkungen ein größeres Sicherheitsproblem aufweisen als einzelne Reaktoren. Dies gelte vor allem für die Beherrschbarkeit von Störfällen, aber auch für die Störfallauslegung der Anlage. Majer hat zusammen mit Prof. Wolfgang Renneberg eine Studie zu "Risiken des Betriebs des Kernkraftwerks Gundremmingen" verfasst. Er kennt die Anlage auch durch eigene Anschauung.