Die beiden Arbeiter tragen keinen Schutzanzug. Keine Handschuhe. Keinen Mundschutz. Keinen Dosimeter, der die Strahlung misst. Auch Heiko Ringel, technischer Geschäftsführer des Atomkraftwerks Gundremmingen, greift sich mit bloßen Händen einen mit Müll gefüllten Sack und legt diesen in die Messanlage. Die Maschine schließt sich. Die Botschaft ist klar: Es gibt nichts zu befürchten, alles unbedenklich.

So ist das a Freitag abgelaufen beim Pressetermin zum so genannten „Freimessen“ im Kraftwerk. Der Betreiber hatte eilig eingeladen, nachdem in den vergangenen Tagen die Diskussion über die Verbrennung von AKW-Abfall im Müllofen in Weißenhorn hochgekocht war.

Wie berichtet, war im Werkausschuss des Kreistages herausgekommen, dass dieser Abfall seit 2016 in der Anlage landet. Seither bemüht sich Landrat Thorsten Freudenberger um Aufklärung, Bürgermeister Wolfgang Fendt ist sauer, die Bürgerinitiative gegen das Müllheizkraftwerk lebt wieder auf, der kreiseigene Abfallwirtschaftsbetrieb lässt Messungen durchführen. Und der kritische Mediziner Reinhold Thiel ruft im Interview mit der SÜDWEST PRESSE zum Widerstand gegen diese Entsorgung auf.

„Ich verstehe die Ängste ja“, betonte Ringel am Freitag „aber aus radiologischer Sicht ist unser Abfall völlig irrelevant.“ Ingo Großhans, der Strahlenschutzbeauftragte des Kraftwerkes, bemühte sich wie am Montag schon in Weißenhorn, die zusätzliche Belastung aus der Verbrennung einzuordnen. Wie berichtet, landet dort nur Abfall, der vorher durch vier Messungen gegangen ist und dabei einen bestimmten Grenzwert unterschritten hat.

Baumarkt-Einkauf gefährlicher?

So werde gewährleistet, dass selbst auf einen Menschen, der sich 24 Stunden an 365 Tagen mit einem der Müllsäcke umgeben würde, nicht mehr als zehn Mikrosievert einwirkt. Diese Dosis bekomme ein Mensch schon bei einem dreistündigen Flug in zehn Kilometern Höhe ab. Und die „natürliche“ Strahlung liegt bei 2100 Mikrosievert im Jahr.

Oder, gab Ringel ein anderes Beispiel: Wer Granitplatten kauft und im Auto nach Hause fährt, auf den wirkt wahrscheinlich mehr Strahlung ein. „Eine Fahrt zum Baumarkt kann also zu einer höheren Belastung führen, als wenn ich einen unserer Müllsäcke im Auto mitnehmen würde.“

Die Zehn-Mikro-Sievert-Obergrenze werde auch dann eingehalten, wenn – wie in Weißenhorn in den kommenden 20 Jahren geplant – jährlich 100 Tonnen an Mischabfällen aus dem AKW verfeuert werden, erklärte Großhans. Denn der Freigabewert für die Müllsäcke im Kraftwerk gelte für maximal 100 Tonnen. Er sprach damit die Ungewissheit an, die es in Weißenhorn gibt: Die Frage ist, was passiert, wenn statt der bisher maximal 19,1 Tonnen pro Jahr, 100 Tonnen verbrannt werden. Antwort: Die zehn Mikrosievert werden weiter deutlich unterschritten. Damit die Belastung der Umgebung nicht geballt kommt, sei aber vorgeschrieben, den freigemessenen Abfall nicht auf einmal anzuliefern. Er sprach von einem „Verdünnungseffekt“. Geplant ist wöchentlich eine Fuhre – in normalen Müll-Lkw.

Großhans betonte auch: Es werde kein originiäres Abriss-Material aus dem Atomkraftwerk in Weißenhorn landen. „An der Zusammensetzung des Mischabfalls ändert sich durch den Rückbau nichts.“ Dass die Menge steige, liege an der höheren Zahl von eingesetzten Arbeitern. Diese verbrauchen mehr Lappen, Overalls, Handschuhe, es gehen mehr Helme oder Schuhe kaputt. Mehr Verpackungsmüll fällt an.

Einschließen geht nicht

Dazu komme das eine oder andere Holzmöbel, wenn Tische oder Schränke entsorgt werden. Alles Brennbare, was im Kontrollbereich anfällt, muss in Weißenhorn entsorgt werden. Die Option eines „sicheren Einschlusses“, die Kritiker befürworten, gebe es von Gesetzes wegen nicht.

Also müsse die Verbrennung – die derzeit zur Klärung von Fragen ausgesetzt ist – irgendwann wieder anlaufen, betonte Ringel. Ein „paar Wochen“ könnten die Säcke auf dem Werksgelände gelagert werden, „aber nicht über Monate“. Er kündigte an, mit Großhans am Mittwoch ab 9 Uhr im Werkausschus den Kreisräten Rede und Antwort zu stehen.

Das Messgerät hat mittlerweile ein Datenblatt ausgespuckt, das relevante Isotop Cobalt-60 in dem Abfallsack sendet 0,8 Becquerel aus, also 0,8 Zerfälle pro Sekunde. Sechs Becquerel dürften es sein. Auf dem Datenblatt steht „Freigabe Verbrennung bis 100t/a.“ Die Buchstaben sind grün. Ringel: „Für uns das Freimessen nur ein formaler Akt.“

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Hinweis Auf die Kritik am Zehn-Mikrosievert-Konzept von Reinhold Thiel, Sprecher der Ulmer Ärzteinitiative, reagiert Jan Peter Circel, Sprecher von RWE (Betreiber des AKW Gundremmingen), mit einem Hinweis auf Stellungnahmen der Bundesärztekammer vom Dezember 2017: „Wir erkennen an, dass das international gebräuchliche und bundesweit gültige 10-Mikrosievert-pro-Jahr-Konzept bei freigegebenen Abfällen aus dem Rückbau von Kernkraftwerken das mögliche Risiko der Bevölkerung auf ein vernachlässigbares Niveau senkt.“ Circel: „Das ist jetzt wie beim Diesel: Die einen Ärzte sagen so, die anderen so.“ Für RWE gelten eben die rechtlichen Grundlagen.