"Das fasst niemand an.“ Es war die heiße Phase des Bürgermeisterwahlkampfes vor zwei Jahren, als Immobilienverwalter Matias Strobel dieses vernichtende Urteil über den Gewerbepark Senden, kurz GPS, fällte. Der Ulmer stellte sich damit gegen CSU-Kandidat Raphael Bögge, der Pläne für Wohnungsbau auf dem zehn Hektar großen Areal der ehemaligen Europa-Uhrenfabrik im Süden der Stadt vorgestellt hatte. Strobel, der nach eigenen Angaben bis 1996 die Geschäfte der GPS geführt hatte, sagte, die Altlasten im Boden würden Investoren abschrecken. Strobel irrte offenbar. Denn am Montag teilte Bögge, inzwischen Bürgermeister von Senden, mit: „Neues Eingangstor für Senden. Auf dem GPS Gelände entsteht Wohnraum.“

Demnach sei es nicht zuletzt dank seiner Vermittlungsbemühungen gelungen, einen städtebaulichen Vertrag für das Gelände auszuarbeiten. Das ermögliche eine Entwicklung, stelle die Kommune aber frei von den Kosten für Planung, Erschließung und die Beseitigung der Altlasten. Mit im Boot sind neben den Eigentümern des Gewerbeparks – es handelt sich um drei Geschäftsleute um Dr. Nikolaus von Seemann aus Österreich – das Hausbauunternehmen Oswa aus Ingersheim und der Immobilienentwickler Avonia Real Estate aus Leinfelden-Echterdingen. Angegangen werden soll zunächst eine rund 20.000 Quadratmeter große Fläche im Norden des Gewerbeparks. Wenn alles glatt läuft, könnten die Bagger bereits Ende des Jahres anrücken, meint Bürgermeister Bögge.

Was genau passieren wird, könne er noch nicht sagen, das werde im Zuge des Bebauungsplanverfahrens geklärt. Angedacht seien 150 Wohnungen auf den gesamten zehn Hektar. Zum Vergleich: Auf Wiley-Nord mit seinen 104.000 Quadratmetern sollen 770 Wohnungen und damit Platz für 1500 Menschen entstehen. Die GPS will nach eigenen Angaben im Internet die früheren zweistöckigen Montage-Gebäude – die als hell, freundlich und statisch solide beschrieben werden – erst entkernen und dann energetisch, haustechnisch und optisch neu gestalten. Vor und hinter jedem Haus könnte ein Garten entstehen. Das Gebiet zeichne sich durch die gute Lage bei Bahnhof, Schwimmbad und Schulen aus. Über den Steg sei man gleich im Stadtpark mit seinen Freizeitangeboten. Der Markt und die Nachfrage in und um Senden seien genau analysiert worden, sagt Reimund Sigel von Avonia: „Dabei ist allen Beteiligten deutlich geworden, welch’ großes Potential in dieser Fläche steckt.“ Bögge sagt, auf dem Areal könnte „moderner, qualitativ wertiger Wohnraum“ entstehen, die Stadt benötige aber auch bezahlbare Wohnungen. Nicht zuletzt, um die vielen anerkannten Asylbewerber und ihre Familien unterzubringen. Zehn Prozent für sozialen Wohnungsbau in neuen Gebieten lautet die Richtgröße – das hat sich die Stadt auf Vorschlag der CSU und Bögge hin auferlegt.

CSU, Grüne und die Bürgerinteressen standen schon im Wahlkampf für die Konversion des Gewerbeparks. Was die anderen drei Fraktionen im Stadtrat – SPD, Freie Wähler, Unabhängige Bürgergemeinschaft – von seinen Plänen halten, wisse er nicht, sagt Bögge. Er habe die Fraktionen informiert, aber sich nicht um Abstimmung bemüht. „Das ist jetzt mal ein Verwaltungsvorschlag. Aber ich kann mir schlechterdings nicht vorstellen, dass irgendjemand im Stadtrat dagegen ist, dort Wohnraum zu schaffen.“ Das große Wohngebiet „Am Stadtpark“, für das sich besonders die Freien Wähler von jeher stark machen, sei nach wie vor möglich, betont Bögge. Auch das Baugebiet „Untere Au“ komme, für die Haydnstraße gibt es einen neuen Antrag, um dort Geschosswohnungsbau zu realisieren.

Am 19. Januar soll der Bauausschuss des Stadtrates den städtebaulichen Vertrag beraten. Am 16. Februar soll das Bebauungsplanverfahren gestartet werden, dafür will die Stadt das Büro Siebert aus Lindau engagieren. „Unser Ziel ist es, den nördlichen Teil im beschleunigten Verfahren zu durchlaufen“, sagt Marcel Djafari von Oswa. Die übrige Fläche werde im normalen Bebauungsplanverfahren geplant.

 

Seit 40 Jahren ein Thema: Die Altlasten unter dem Gewerbepark-Gelände

Landratsamt
Als „nicht grundsätzlich unmöglich“ bezeichnet Gerhard Wieser vom Landratsamt Neu-Ulm eine Wohnbebauung auf dem GPS-Gelände. Die darunter im Grundwasser befindlichen Halogen-Kohlenwasserstoffe sinken ab, wabern also nicht über dem Boden herum. Wenn gebaut wird, müsse jedoch gewährleistet sein, dass eine Sanierung der Altlasten weiter möglich ist. Das mit den krebserregenden Lösungsmitteln verunreinigte Grundwasser soll dem Landratsamt zufolge in der Erntezeit nicht zum Gießen von Gemüse- und Obstpflanzen genutzt werden. Man sollte in dem Wasser auch nicht baden. Das Gift stammt aus Entfettungsmitteln. Diese waren in der ehemaligen Uhrenfabrik vor Jahrzehnten in den Boden gelangt. Wie eine Sanierung aussehen kann ist Wieser zufolge noch unklar. Man sei dabei, das vom Eigentümer gelieferte Grundwassermodell zu ergänzen. An der Kreuzung Ulrichstraße/Bahnhofstraße läuft daher ein Pumpversuch.

Eigentümer
„Die fast 40 und mehr Jahre alten Grundwasserverunreinigungen konnten größtenteils beseitigt werden, und vom geringen Rest geht keinerlei Gefährdung für eine Wohnnutzung aus“, schreibt Dr. Nikolaus von Seemann, Sprecher der Gesellschafter der GPS. Und: „Dennoch werden wir uns auch weiterhin mit den restlichen Verunreinigungen im Grundwasser beschäftigen.“ Dazu werden sich alle Beteiligten eng mit dem Wasserwirtschaftsamt und Landratsamt abstimmen und die notwendigen Maßnahmen im Bebauungsplan berücksichtigen. Grundsätzlich habe das Landratsamt Neu-Ulm für dieses Vorgehen seine Zustimmung signalisiert.