Gastronomie Gaumenschmeichler statt Hostien

Von Martin Dambacher 05.05.2018

Wo einst der Altar stand, ist jetzt die Bar. Statt eines gemeinsamen Abendmahls gibt es viele, kleine Leckereien. Und wenn hier jemand „Hallelujah“ singt, dann höchstens Leonard Cohen oder Jeff Buckley vom Band. Denn Illertissens alte Christuskirche ist jetzt Bar, Cafe, Event- und Kulturstätte zugleich.

Die Idee dazu hatten Oliver Rieger und Philipp Mörwald. Sie kauften das Kirchengebäude an der Bahnhofstraße im September 2016 von der evangelischen Kirchengemeinde. Die hat sicheine neue Christuskirche gebaut. „Den Gedanken an eine ungewöhnlichen Locationhegte ich schon seit 25 Jahren“, verrät Oliver Rieger. Nur fehlte es an einergeeigneten Immobilie mit dem gewissen Etwas.Die frühere evangelische Kirche habe es ihm und seinem Geschäftspartner dagegen gleich auf Anhieb angetan.Auch die Bausubstanz sei trotz des hohen Alters von 122 Jahren noch top. Schnell wurden Nägel mit Köpfen gemacht. Beim Umbau packten auch Freunde mit an. Innenarchitekt  RiegerlegteWert auf eine behutsame Renovierung. Vieles wollte eroriginalgetreu belassen, einiges wieder in den Ursprungszustand zurückversetzen. So wurde beispielsweise die Holzvertäfelung im ehemaligen Kirchenraum entfernt und die Wändemit Lehmfarbe gestrichen.Kirchentypische Elemente, wie die aufwändig gestalteten, bunt leuchtenden Bleiglasfenster wurdenerhalten, genau wie der Holzfußboden und die Stuckleiste. Herausgekommen ist ein imposanter Raum im angesagten Industrie-Chic mit ausgefallenem Mobiliar, ergänzt durch allerlei Filmrequisiten.Liebevoll zusammengestellte Kombinationen aus altem und neuen Geschirr und Besteck machen das i-Tüpfelchen aus. „Bei uns sucht der Gast jedoch vergebens nach Hauptgerichten“, erklärt Rieger. Vielmehr bietet diekleine Speisekarte „Gerichte zum Lustwandeln“.

Anliegen sei es, dass der Gast sich mit ein, zwei oder gar drei Gerichten langsam durch den Abend esse, so Rieger, je nach Lust und Hunger. Dass der aus Dietenheim stammende Koch Fabian Maucher in der Küchegenauso so unkonventionelle Wege beschreitet wieRieger bei der Gestaltung, zeigendie Namen der Gerichte. Mit „Erdiges trifft Tropisches“ ist zum Beispiel die Möhren-Ingwer-Kokosnuss-Suppe überschrieben, während sich hinter „Der Bäcker und die Kuh“ ein mit Sennerei-Käse überbackenes Brot verbirgt.Saisonale Spezialitäten sowie Themen- und Grillabende sind angedacht, genauso wieregelmäßige Kulturveranstaltungen, wie Konzerte oder Lesungen.

Schlafen im Kanzleramt

Mit aktuell vier Gästezimmern bietet das Projekt Gastraum zudem auch Übernachtungsmöglichkeiten, die aus dem Rahmen fallen. So kann man im „Kanzleramt“ zum Beispiel auf den Spuren von Ludwig Erhard wandeln oder im „Forsthaus“ in heimeliger Atmosphäre ruhen. Wer dagegen lässig in Sportlermanier logieren möchte, ist in der Turnhalle gut aufgehoben – das „Himmelreich“ verspricht himmlische Träume mit Blick auf den Glockenturm. Letzterer soll übrigens als äußeres Zeichen für das Projekt Gastraum in Kürze noch ein goldenes „P“ aufgesteckt bekommen.

Das unkonventionelle Konzept scheint bei den Gästen anzukommen „Das Ambiente begeistert“, schwärmen zwei ältere Damen bei einem Glas Wein, die, genau wie eine elfköpfige Radlergruppe aus Jedesheim auf Empfehlung erstmals den Weg ins Projekt Gastraum gefunden hat.

Dem „Kirchle“ verbunden

Heidi Ritsche-Thoma war dagegen schon mehrmals zu Gast. Wohl auch, weil sie eine ganz besondere Beziehung zu ihrem „Kirchle“ hat. „Ich wurde hier getauft, konfirmiert und getraut“, verrät sie. Auch ihre beiden Kinder sind dort getauft worden und sie habe sich jahrelang um den Blumenschmuck in der Kirche gekümmert. Nach dem „total gelungenen Umbau“ fühle sie sich immer noch sehr wohl dort, sagt die Illertisserin. Ganz sicher ist sie nicht das letzte Mal zu Gast in der außergewöhnlichen Kirchen-Kneipe gewesen.

Tag der offenen Pforte

Programm Nach den ersten, erfolgreichen Tagen möchten Oliver Rieger und Philipp Mörwald ihr Projekt Gastraum in der Illertisser Bahnhofstraße am Samstag, 12. Mai, von 14 Uhr an mit einem „Tag der offenen Pforte“ offiziell eröffnen. Die Besucher erwartet Livemusik im Biergarten und im Gastraum.

Öffnungszeiten Geöffnet ist Montag, Mittwoch und Donnerstag von 14 bis 22 Uhr geöffnet, am Freitag von 14 bis 1 Uhr. Samstags ist das Team von 17 bis 1 Uhr für die Gäste da, sonntags von 13 bis 18 Uhr. Mehr Informationen zur Location gibt es unter www.projekt-gastraum.de

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