Landtagswahl Für eine soziale Digitalisierung

„Hier bin ich ständig.“ Klaus Rederer, Direktkandidat der Grünen für die Bayernwahl, im Café D’Art in Neu-Ulm. „Ich bin bekennender D’Artianer.“ Hier finden im ersten Stock auch immer die Treffen der Nuxit-Gegner statt.
„Hier bin ich ständig.“ Klaus Rederer, Direktkandidat der Grünen für die Bayernwahl, im Café D’Art in Neu-Ulm. „Ich bin bekennender D’Artianer.“ Hier finden im ersten Stock auch immer die Treffen der Nuxit-Gegner statt. © Foto: Volkmar Könneke
Niko Dirner 05.10.2018

Flächenfraß? Atomkraft? Integration? Nein, diese urgrünen Themen sind nicht die Themen von Klaus Rederer. Der Direktkandidat der Grünen im Stimmkreis Neu-Ulm hat es eher mit Datenschutz, sozialer Gerechtigkeit und der Digitalisierung als alles überwölbende, unentrinnbare, aber steuerbare Entwicklung. Insofern passt Rederer zum Spitzenduo seiner Partei, Katharina Schulze und Ludwig Hartmann, die sagen, sie stünden „für ein neues, modernes Bayern“. Und der 53-jährige Neu-Ulmer ist – nun ja, er selbst. Denn sich verbiegen, damit hat es Klaus Rederer nicht so.

Deshalb ist der Datenschutz-Sachverständige mit eigener Software-Firma heute nicht mehr bei der SPD. Die Sozialdemokraten waren jahrelang, seit seinem Studium in Augsburg, seine politische Heimat. Höhepunkt dieser Beziehung war 2002 im Oberbürgermeister-Wahlkampf in Neu-Ulm die Kandidatur als SPD-Mann gegen Beate Merk von der CSU. Weil er es für wichtig und richtig hielt, der Vorzeige-Frau – die er im Grunde richtig gut findet – etwas entgegenzusetzen. Auch ohne jede Chance. „Das war ein Himmelfahrtskommando.“ Immerhin reichte es für Rederer zum Einzug in den Stadtrat und den Kreistag.

Dann kam die Agenda 2010, also unter anderem die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, und Rederer fiel vom Glauben ab. „Damals sind die Ur-Ideale der Partei verraten worden. Die SPD war die Partei der Arbeiter. Immer.“ Jahrelang habe er sich dagegengestemmt, Weggefährten, wie etwa Xaver Merk aus Senden, an die Linke verloren, und dann einen Schlussstrich gezogen: 2007 gab Rederer seine Mandate zurück und verließ seine „Herzblutpartei“. Offiziell damals „aus beruflichen Gründen“. Wenn er heute davon spricht, bekommt er feuchte Augen.

Es folgte eine Zeit der Suche. „Ich war politische heimatlos. Wenn die große Liebe verloren geht, findet man nicht gleich eine neue.“ Getrieben vom Wunsch, Politik zu machen, seine Lebenswelt mitzugestalten, landete er 2010 bei den Grünen. In der vergleichsweise kleinen Partei mit anhaltendem Personalmangel fasste der Neu-Ulmer schnell Fuß, wurde schließlich Kassier des Kreisverbandes, gründete den schwabenweit aktiven Arbeitskreis Digitalisierung/Neue-Medien. Und erklärte sich dann, nachdem niemand anderes so richtig wollte – „als die Frage bei uns aufkam, herrschte betretenes Schweigen“ – zur Kandidatur für den bayerischen Landtag bereit.

Staatsmacht gegen Google & Co

Für sich gewinnen will Rederer die Wähler mit seinen umfassenden Antworten zur Digitalisierung. „Das gehört nicht zu den grünen Ur-Themen? Ja, dann machen wir es eben dazu!“ Die Digitalisierung befördere die Teilung der Gesellschaft für welche die Agenda 2010 die Grundlagen geschaffen habe. Monopolistische Plattformen wie Booking oder Uber zerstörten mit ihrer Marktmacht und den damit möglichen Provisionen bislang funktionierende Geschäftsmodelle und die daran hängenden Arbeitsplätze zum Nutzen weniger. „Das erodiert unsere Gesellschaft.“ Der Staat müsse gegensteuern: Monopole zerstören, das Sozialversicherungssystem ausbauen und die Vermarktung persönlicher Daten stoppen.

Mit der neuen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) sei hier ein wichtiges Instrument geschaffen worden. „Die Bürger bekommen damit ein Stück weit die Hoheit über ihre Daten zurück.“ Was die DSGVO ist, und was es zu beachten gibt, darüber redet der Grüne seit Mai auf seiner „Doktor Rederers DSGVO Erste-Hilfe-Tour“ gegen Gebühr etwa zu Vereinsvertretern oder Handwerken. Aber auch, dann kostenfrei, zum Wahlvolk. Den einen Tag so, den anderen Tag so.

Und zwischendrin kämpft er auch noch gegen den angedachten Austritt der Stadt Neu-Ulm aus dem Landkreis. Für ihn ist der Nuxit „ein Granatenscheiß“, eine Fehlentwicklung in der Dimension der Atomenergie. In den Verwaltungen sei der Aufwand jetzt schon riesig. Und alles nur, vermutet er, damit sich Oberbürgermeister Gerold Noerenberg ein Denkmal setzen und seine Wiederwahl sichern könne.

Für die Landtagswahl gibt sich Rederer keiner Illusion hin: Das Direktmandat wird einem Déjà-Vu gleich Beate Merk von der CSU holen, doch sein starker Platz 8 auf der Schwabenliste könnte für ihn zum Einzug ins Parlament reichen. „Dafür brauche ich jede Stimme. Aber ich bin ja auch ein netter Kerl.“

Unternehmer, Dozent, Autor und Politiker

Person Klaus Rederer, 53, ist in Neu-Ulm zur Schule gegangen und hat in Augsburg BWL, Geschichte, Politikwissenschaft studiert. 2000 gründete er die Rekom GmbH, die heute eine Software für die Recyclingbranche anbietet. Rederer ist darüber hinaus Datenschutz-Sachverständiger, Berater, Dozent, Autor. Er ist geschieden, hat zwei Kinder und lebt in einer Beziehung mit einer Journalistin aus München.

Von Anfang an aktiv gegen den Kreisaustritt

Nuxit „Das ist Quatsch“: Zum Nuxit hat Klaus Rederer eine klare Meinung. Von Anfang an ist er beim Widerstand dabei, gründete 2017 das Bündnis „Nuxit – So geht’s net!“ mit, wurde Sprecher. Der Versuch, einen Bürgerentscheid zu initiieren, scheiterte am Stadtrat. Da habe er sich gefühlt, als habe ihm jemand „einen nassen Lappen ins Gesicht geschlagen“. Neuer Plan: Eine Petition an den Landtag.

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