Memmingen / CARSTEN MUTH  Uhr
Sieben Mal hat ein 29-Jähriger auf seine Schwiergermutter eingestochen. Der Anklagte räumte die Tat vor Gericht ein, will diese aber nicht geplant haben.

Tag zwei im Prozess wegen Mordversuchs gegen einen Familienvater aus dem Alb-Donau-Kreis: Der Angeklagte hat vor dem Landgericht Memmingen ein Geständnis abgelegt.  Der 29-Jährige räumte ein, im Oktober 2015 mehrfach auf seine Schwiegermutter eingestochen zu haben. Die Tat sei jedoch nicht geplant gewesen. Sein 54 Jahre altes Opfer wurde lebensgefährlich verletzt. Der mutmaßliche Täter hatte die Frau für das Scheitern seiner Ehe verantwortlich gemacht. Er gab an, aus Sorge um seine beiden kleinen Kinder gehandelt zu haben.

Das Opfer sagte am Mittwoch ebenfalls als Zeugin vor Gericht aus und berichtete von einem tiefen Zerwürfnis zwischen ihr und ihrem Schwiegersohn. Dieser habe ihre Tochter eingeschüchtert und der 26-Jährigen den Umgang mit ihr untersagt. Mit der brutalen Attacke habe sie aber niemals gerechnet.

Tat Wenige Stunden vor der Tat war der 29-Jährige von seiner Frau verlassen worden. Diese zog mit den eineinhalb und drei Jahre alten Kindern aus, um bei ihrer Mutter in Ellzee im Kreis Günzburg Unterschlupf zu finden. Das hat den Familienvater eigenen Angaben zufolge in einen Ausnahmezustand versetzt. „Ich hatte ganz arg Angst um meine Kinder“, sagte der Angeklagte. Also sei er nach Ellzee gefahren, mit dem Klappmesser in der Hosentasche. Der 29-Jährige gestand, das Messer bereits auf dem Weg vom Auto zur Haustür geöffnet zu haben.

Als seine Schwiegermutter sich in den Weg stellte und ihm zu verstehen gab, dass er seine beiden Kinder nicht mitnehmen dürfe, sei die Situation eskaliert. „Da ist in mir der Faden gerissen. Und dann habe ich auf sie eingestochen.“ Das Opfer flüchtete nach dem ersten Stich in die Küche. Der Täter setzte nach, stach nochmals zu. Dann verließ der 29-Jährige das Haus, alarmierte selbst Polizei und Rettunsgsdienst. Der Polizei sagte er am Telefon: „Ich habe gerade meine Schwiegermutter erstochen.“

Zerwürfnis Die 54-Jährige soll dem Schwiegersohn unter anderem vorgeworfen haben, Grundsätze ihrer gemeinsamen Religionsgemeinschaft, den Zeugen Jehovas, verletzt zu haben. Am Anfang sei alles gut gewesen. „Er war uns anfangs willkommen.“ Doch dann habe das Verhältnis Risse bekommen, auch weil das junge Paar „sexuellen  Kontakt“ noch vor ihrer Hochzeit hatte. Die Ehe aber sei heilig, Sex davor nicht erlaubt.  Die Absicht ihrer Tochter, den heute 29-Jährigen zu heiraten, sei in ihrer Familie nicht auf allzu große Gegenliebe gestoßen. Später habe sie lediglich darum gekämpft, den Kontakt zu Tochter und Enkelkindern zu halten. „Ich habe meinen Schwiegersohn nicht gehasst.“

Opfer Der Täter attackierte sein Opfer laut Gericht mit insgesamt sieben Stichen. Lunge, Leber, Galle, Nervenfasern wurden verletzt. Die 54-Jährige verlor fast drei Liter Blut. „Der Puls war kaum noch spürbar“, sagte ein Notarzt, der der Frau an dem Tag zur Hilfe eilte. Ein Rettungshubschrauber flog die Verletzte in kritischem Zustand in die Ulmer Uniklinik. Dort wurde sie fünf Mal operiert – und erhielt auch eine Bluttransfusion, die Mitglieder der Zeugen Jehovas eigentlich strikt ablehnen.

„Wenn ich bei Bewusstsein gewesen wäre, hätte ich die Bluttransfusion verhindert“, sagte die Mutter von sieben Kindern. In diesem Augenblick wurde es still im Gerichtssaal. Richterin  Brigitte Grenzstein fragte bei der Zeugin nach: „Ihnen ist klar, dass Sie dann gestorben wären?“ Die 54-Jährige nickte. Den Ärzten in der Klinik wolle sie keinen Vorwurf machen: „Die wollten nur mein Leben retten.“