Meinung Kommentar zum Vorfall in Illertissen: Fakten ignoriert

Illertissen / Carsten Muth 14.09.2018

Ein Unbekannter nähert sich einem Mädchen, streichelt es an der Wange. Der Mann nimmt die Hand des Kindes, geht mit ihm einige Schritte, wird dann von Passanten aufgehalten. Keine Frage: Der Vorfall auf einem Spielplatz in Illertissen ist empörend. Dass er Menschen besorgt, emotional anfasst, aufwühlt, ist nachvollziehbar. Dass der Fall zu vogelwilden, unappetitlichen, mitunter verstörenden Kommentaren vor allem im Internet führt, ist in aufgeregten Zeiten wie diesen keine Überraschung. Leider.

Rasch haben auch nach dem Vorfall in Illertissen Meldungen und Berichte von einer Entführung und versuchten Vergewaltigung die Runde gemacht, die mit dem tatsächlichen Ereignis nichts zu tun hatten. Schnell hat sich eine Welle in Bewegung gesetzt, die kaum aufzuhalten war. Ob es sie in diesem Maße auch gegeben hätte, wenn der Täter ein Weißer gewesen wäre? Wohl kaum. Wer die Geschichten in den sozialen Netzwerken nicht bestätigte, wurde von den selbst ernannten Richtern übel beschimpft, in weniger heftigen Fällen zumindest als unverantwortlicher Verharmloser bezeichnet.

Wo Freiheit Grenzen hat

Dass Polizei und Staatsanwaltschaft den sich selbst überholenden Gerüchten von Beginn an entschieden entgegentraten, war vielen Beitrag­schreibern im Netz egal. Dass die Ermittler klarmachten, dass es weder zu einer Entführung noch zu einem Sexualverbrechen gekommen ist, wurde ebenso ignoriert wie die Einschätzung von Polizei und Zeugen, wonach der Beschuldigte offenbar eine geistiger Behinderung hat.

Der Fall zeigt: Fakten interessieren manche Menschen offenbar einen  feuchten Kehricht. Was traurig ist, eine offene Gesellschaft aber hinnehmen, aushalten muss. Wir leben in einem Rechtsstaat, das Recht auf freie Meinungsäußerung ist ein hohes Gut. Da darf man auf Facebook und Co. auch mal ausgemachten Unsinn verzapfen – und es, um es vorsichtig zu formulieren, mit der Wahrheit nicht so genau nehmen.

Die Freiheit hat aber auch in der freiheitlich demokratischen Grundordnung Grenzen. Siehe Illertissen. Einige nutzten die Nachricht über den angeblichen sexuellen Missbrauch in den vergangenen Tagen, um gegen andere zu hetzen, ja sogar offen zu Gewalt aufzurufen. Gut, dass die Polizei dies nicht duldet. Gut, dass sie einschreitet und zumindest in einem Fall gegen einen User ermittelt.

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