Erzieher Exoten am richtigen Arbeitsplatz

Die Erzieher (von links) Tobias Adrion, Stefan Precht und Martina Hannes spielen mit den Kindern.
Die Erzieher (von links) Tobias Adrion, Stefan Precht und Martina Hannes spielen mit den Kindern. © Foto: Kinderhaus „Arche“
Vöhringen / Claudia Schäfer 15.02.2018
Noch immer gelten in Kitas Erzieher gelten als Exoten. Anders im Vöhringer Kinderhaus, wo gleich zwei Männer arbeiten.

Früher war Tobias Adrion im Hotelgewerbe beschäftigt. Doch er merkte schnell: Als Job fürs Leben taugte das nicht. Als er im Bekanntenkreis von seinem Plan erzählte, eine Ausbildung zum Erzieher zu machen, stieß das auf einiges Unverständnis: Warum er denn einen solchen „Frauenberuf“ lernen wolle, sei er gefragt worden, erzählt der 35-jährige dreifache Vater. Inzwischen arbeitet er im Kinderhaus „Arche“ in Vöhringen. Dort sind, was ungewöhnlich ist, sogar zwei männliche Erzieher beschäftigt.

Seine Entscheidung hat Adrion, der sich 18 Jahre lang bei den Ulmer Chorknaben um den Nachwuchs kümmerte, nicht bereut. Kinder seien ehrlich und offen, ihre Meinung sei „unverblümt, egal ob gut oder schlecht“, sagt Adrion. Langweilig werde es ihm in seinem Job nie, jeder Tag sei spannend. Natürlich, sagt er, könnte die Bezahlung besser sein. Aber das wisse jeder vorher.

Das Geld, sagt auch Adrions Kollege Stefan Precht, sei sicher kein Grund dafür, als Erzieher zu arbeiten. „Finanziell gesehen macht dieser Beruf nicht reich.“ Aber eine Bereicherung sei er trotzdem: „Dieser Job lässt vieles zu, weil es Strukturen gibt, aber kein starres Korsett.“ Und, betont der 34-jährige, „man kann selbst wieder Kind sein, neugierig sein, die Welt erforschen.“ Für ihn sei vor rund 15 Jahren kein anderer Beruf mehr in Frage gekommen, seit er eher zufällig ein Praktikum in einer Kita gemacht habe. „Ich bin hier am richtigen Platz.“ Es sei einfach toll, Kinder auf einem so wichtigen Abschnitt ihres Lebens zu begleiten, sagt der zweifache Vater.

Für die Leiterin der „Arche“, Martina Hannes. sind die beiden Männer eine Bereicherung ihres Teams und eine Bereicherung für die Kinder. Offen spricht sie auch davon, dass eine frühere Kollegin vor Jahren bei der Einstellung Prechts Bedenken geäußert habe, ob denn wirklich ein Mann buchstäblich in Berührung mit so kleinen Kindern kommen sollte. Und sie weiß, dass laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums männliche Erzieher gedanklich immer wieder mit dem Thema Missbrauch in Verbindung gebracht werden. Das, sagt Martina Hannes, könne Männer bei der Berufswahl verunsichern oder im Job für Schwierigkeiten sorgen.

In Vöhringen sei ein solcher „Generalverdacht gegenüber Männern“ kein Thema, sagt Tobias Adrion: „Die Eltern finden es eher toll, dass auch ein Mann für ihre Kinder da ist. Sie machen da keinen Unterschied.“ Im Umgang mit den Kindern gebe es für alle Mitarbeiter die gleichen Regeln, und das natürlich auch beim Schutz vor Missbrauch.

Gerade mit Blick auf den Fachkräftemangel wünscht sich Martina Hannes einen unaufgeregten Umgang mit Männern in Krippe, Kindergarten oder Hort. So würde es vielleicht manchem Mann leichter fallen, sich für den Beruf zu entscheiden. „Es wäre schön, wenn so etwas völlig normal wäre“, sagt sie. Für Kinder sei es auf jeden Fall toll, in der Kita Männer und Frauen als Bezugspersonen zu erleben. Und das abseits der typischen Geschlechterrollen: „Ob jemand lieber Kuchen backt oder an der Werkbank steht, hängt ja von den Neigungen ab und nicht vom Geschlecht.“ Beispiel Fußball: „Da sind in der ,Arche’ die Frauen eindeutig besser als die Männer“.

Erzieherinnen dominieren

Azubis Auch wenn immer mehr Praktikanten in den Kitas arbeiten und auch der Anteil der männlichen Auszubildenden steigt, ist der Gesamtanteil der Männer an den Beschäftigten in Kitas immer noch sehr gering.

Vergleich Bundesweit lag der Anteil männlicher Betreuer in Kindergärten, Krippen und Grundschulen 2016 bei 5,2 Prozent. 2011 waren es noch 3,6 Prozent. Den geringsten Anteil gab es 2016 in Bayern mit 3,61 Prozent (Baden-Württemberg: 4,68 Prozent).

Untersuchung Vom Bundesfamilienministerium gibt es eine 2015 aktualisiere Studie: https://www.bmfsfj.de/blob/94268/a974404ff4a9f51a20136bfc8a1e2047/maennliche-fachkraefte-kitas-data.pdf

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