Eichenprozessionsspinner Eine Raupe auf Vormarsch in der Region

Region / Pia Reiser 05.06.2018
In diesem Jahr gibt es besonders viele Eichenprozessionsspinner. Wo diese für Menschen gefährlich werden, müssen sie abgesaugt werden.

Wenn Karl-Heinz Fehr auf Raupenjagd geht, sieht er aus wie jemand vom Seuchenschutz: ein weißer Ganzkörperanzug mit Kapuze, darüber dicke blaue Handschuhe und eine Gesichtsmaske. All das dient zum Schutz vor tausenden millimeterlangen Härchen. Diese können Pusteln und Rötungen mit starkem Juckreiz auf der Haut verursachen und beim Einatmen zu Husten oder Asthma führen, in Einzelfällen gar zu allergischen Schockreaktionen. Urheber dieser Brennhaare: Der Eichenprozessionsspinner.

In Senden ist der Befall der Insekten so massiv wie nie, sagt Josef Ölberger, zweiter Bürgermeister der Stadt. In den vergangenen Jahren seien die Eichen am Waldfriedhof zwar immer wieder betroffen gewesen. „Aber dass es jetzt das ganze Stadtgebiet erreicht hat, das gab es noch nicht.“ Neben dem Waldfriedhof waren unter anderem das See- und Hallenbad und die Bürgermeister-Engelhard-Schule betroffen.

An diesen Stellen ist Karl-Heinz Fehr von der Firma Arge Grün aus Neuburg an der Kammel mit seinem Kollegen Remigiuz Rydwancky seit Montag im Einsatz. Mit einem speziellen Staubsauger steht er in Schutzmontur auf einer Hebebühne und sucht Astgabeln und Stamm der Eichen genau ab. Entdeckt er ein Raupennest, saugt er es mitsamt den giftigen Härchen ein. „Es kann sein, dass man an einem Baum bis zu zwei Stunden beschäftigt ist“, sagt er. Die eingesaugten Raupen werden entsorgt.

Bis Dienstagnachmittag hatte Karl-Heinz Fehr den Waldfriedhof von den Raupen befreit, ebenso wie das Schwimmbad. Dieses wurde laut Josef Ölberger um 14 Uhr wieder eröffnet. Als nächstes kümmern sich die Raupenjäger um das Schulgelände und den Sportplatz in Aufheim.

Aber nicht nur in Senden machen sich die Raupen breit, sondern in der ganzen Region: Im Kreis Neu-Ulm in Vöhringen oder Illertissen, im Alb-Donau Kreis etwa in Rottenacker.

Seebad wieder geöffnet

„Bis 500 Höhenmeter haben wir einen verstärkten Befall“, sagt Michael Thalheimer, der Revierleiter von Bernstadt in der Forst-und Naturschutzbehörde des Alb-Donau-Kreises. Etwa an den Eichen an der A7 und im Wald bei Langenau. Thalheimer ist Beauftragter des Kreises für den Eichenprozessionsspinner, bei ihm werden Anfragen von Gemeinden, Waldkindergärten oder Privatpersonen gebündelt – und diese häufen sich: „Ich bekomme jede Woche 20 bis 30 Anrufe.“

Er vermutet, dass sich der Eichenprozessionsspinner bereits in den vergangenen Jahren schleichend vermehrt hat, ohne dass dies sehr auffiel. Das ist in diesem Jahr anders. „Die Population ist gerade in einer Phase der Progradation, in der der Bestand stark ansteigt.“ In der Regel sei es bei Waldschädlingen aber so, dass die Population ab einem bestimmten Punkt wieder zusammenbricht. Außerdem spiele das Wetter eine Rolle: „Wir haben eine relativ warme Witterung, das ist bei den Tierchen beliebt.“ Ursprünglich aus Südeuropa eingewandert, mag der Eichenprozessionsspinner warme und sonnige Plätze. Deswegen sind laut Thalheimer auch öfter alleinstehende Eichen oder die am Waldrand befallen.

In der Nähe von betroffenen Bäumen rät Dr. Martin Küfer, Leiter des Gesundheitsamts im Kreis Neu-Ulm, zu Vorsichtsmaßnahmen: „Nicht in die Gefahrenzonen gehen, die Nester nicht berühren, die Haut schützen.“ Außerdem sei es wichtig, die Kleider zu wechseln, sowie zu duschen. Wenn die eigene Eiche im Garten befallen ist, rät Michael Thalheimer deutlich davon ab, die Raupen selbst zu beseitigen. Stattdessen solle lieber eine Fachfirma beauftragt werden.

Haut schützen, Kleider wechseln

Am gefährlichsten ist der Eichenprozessionsspinner jetzt, bevor er sich verpuppt und zu einem Nachtfalter wandelt. Ein Problem bleibt aber: Die Nester mit den Haaren kleben weiter in den Bäumen. Der Wind kann die Haare verwehen, der Regen sie ins Gras befördern. „Das macht das Tier so unliebsam“, sagt Thalheimer.

Dass mit den Tieren nicht zu spaßen ist, macht auch Karl-Heinz Fehr bei seiner Arbeit am Waldfriedhof klar – nicht umsonst trägt er die Schutzkleidung und verzichtet auf den Handschlag. „Wir versuchen, jedes Nest zu erwischen“, betont er. Sein Ziel: Die Raupen unschädlich zu machen, bevor sie zu Faltern werden und Eier legen für die nächste Generation.

Wachstumszyklus und Bekämpfung

Entwicklung Anfang Mai schlüpfen die Raupen des Eichenprozessionsspinners. Sie durchlaufen fünf bis sechs Entwicklungsstadien. Die Brennhaare entwickeln sie in den späteren Stadien. Die Raupen verpuppen sich Ende Juni/Anfang Juli, nach einigen Wochen schlüpfen die Falter. Jedes Weibchen legt dann rund 150 Eier ab.

Bekämpfung Wo Menschen gefährdet sind, wird das Insekt bekämpft. Für öffentliche Bereiche sind die Gemeinden zuständig, bei Privatgrund der Eigentümer. Eine Meldepflicht besteht nicht. In frühen Stadien kann die Raupe biochemisch bekämpft werden, erklärt Michael Thalheimer. Im fünften und sechsten Larvenstadium ist es dafür zu spät. Die Raupen werden dann durch Absaugen bekämpft, bevor sie sich verpuppen.