Geschichte Ein Oberpfälzer geht hart ins Gericht mit den Schwaben

Lothar Mareis bei der Arbeit im Roggenburger Archiv.
Lothar Mareis bei der Arbeit im Roggenburger Archiv. © Foto: Matthias Sauter
MATTHIAS SAUTER 29.12.2017

Wir schreiben das Jahr 1860: Im Königreich Bayern regierte Maximilian Joseph II. aus dem Geschlecht der Wittelsbacher. Sein Vater, König Ludwig I., hatte einige Jahre zuvor zusammen mit seinem engsten Berater, Graf Maximilian von Montgelas, die Verwaltung neu organisiert und modernisiert. In Roggenburg, das damals politisch zu Meßhofen gehörte, hatte Ludwig Friedrich Graf von Geldern Egmont das Sagen. Er besaß die meisten Ländereien des einstigen Roggenburger Herrschaftsgebiets. Der Großteil der Landbevölkerung war in der Landwirtschaft tätig.

Um sein Volk besser kennenzulernen und die Gesetzgebung zu erleichtern, ließ der bayerische König sogenannte Physikatsberichte zusammenstellen. „Diese Situationsberichte sollten die aktuellen Zustände in den verschiedenen Regionen Bayerns wiedergeben“, erläutert Lothar Mareis, Gemeindearchivar in Roggenburg. Maximilian Joseph II. schrieb vor, dass in allen 245 bayerischen Landgerichtsbezirken diese Berichte von den Landgerichtsärzten anzufertigen waren. „Von ihnen erwartete er eine den Tatsachen entsprechende Beurteilung, zumal sie als promovierte Persönlichkeiten bei ihrer Berufsausübung ständig in Kontakt mit allen Schichten der Bevölkerung standen“, so Mareis. Inhaltlich mussten die Texte etwa Angaben über Lage, Klima, Fauna und Flora des Landgerichtsgebietes enthalten. Besonderer Wert wurde auf „die charakterlichen Eigenschaften, die Sitten und Gebräuche, die Hygiene und die Ernährungsweise der Bevölkerung gelegt“.

Für den Roggenburger Bezirk musste der gebürtige Oberpfälzer Arzt Dr. Johann Beck, der seit 1836 dort Landgerichtsarzt war, diese Aufgabe übernehmen. Er hatte sich bei der Ausarbeitung mit der Situation in 42 Pfarrdörfern, zwölf Weilern und acht Einöden und der Stadt Weißenhorn auseinanderzusetzen. Das Gebiet umfasste eine Fläche von rund 177 Quadratkilometern und beherbergte mehr als 16.000 Einwohner. „Viele Landgerichtsärzte haben diese Zusatzaufgabe als Behinderung ihrer ärztlichen Pflichten angesehen. Dr. Beck aber fertigte seine Beschreibungen sehr gewissenhaft und umfangreich an“, erzählt Mareis, der sich in der Reihe „Roggaburger Gschichtsblättla“ in zwei Ausgaben mit dem Roggenburger Pysikatsbericht befasst.

Der Oberpfälzer Arzt geht – den Vorurteilen seiner Zeit folgend – mit den Schwaben hart ins Gericht: „Die Schwaben sind gleich den Yankees und den Schotten ein durchtriebener und spekulativer Menschenschlag, dessen Dichten und Trachten auf schnelle Bereicherung gerichtet ist.“ Einige Sätze später kommt er zu dem Schluss, dass „der Landmann unermüdlich arbeitsam, häuslich, geizig, dagegen auf Jahrmärkten exzessiv, prahlerisch und verschwenderisch ist“. Schlecht kommen die „Bauernbarone aus dem Rothtale“ weg, die „mit souveräner Missachtung auf alle Minderbemittelte herabsehen“.

Detaillierte Passagen widmet Beck den damaligen Trinkgewohnheiten in Roggenburg und Umgebung. Das Trinken von Branntwein werde schon in der Jugend erlernt und im Alter zur Leidenschaft. Empört ist Beck über den Umgang mit Säuglingen: „In versoffenen Familien werden schon die Säuglinge an gefährliche Getränke gewöhnt, indem ihre Schnuller in Schnaps eingetaucht werden, damit sie schneller und länger schlafen.“ Das Ergebnis seien unglückliche Geschöpfe, die dem „habituellen Blödsinn“ verfielen. Dagegen lobt der Verfasser die Reinlichkeit: Die Häuser würden täglich gekehrt, die Ställe zweimal täglich gemistet. Auch die Hauptstraßen seien in einem ordentlichen Zustand und würden regelmäßig vom angehäuften Schmutze gesäubert.

Beim Vergleich mit dem Illertisser Bericht fällt auf, dass die Ansichten und Beobachtungen trotz räumlicher Nähe auseinandergehen. So schreibt der Illertisser Landgerichtsarzt Dr. Jakob Baumgärtner etwa von einem nur sehr mäßigen Genuss des Branntweins, dagegen nehme das Bier-Trinken überhand. Die Schwaben im Illertal charakterisiert er als redselig und streitlustig.

„Beim Lesen findet man wenige Übereinstimmungen. Daraus kann man schließen, dass die Texte eben doch meist subjektiv verfasst wurden“, sagt Mareis. Einig sind sich aber zahlreiche Verfasser der schwäbischen Physikatsberichte im Bezug auf die Sparsamkeit ihrer Bevölkerung. „Es gibt eben Dinge, die ändern sich auch in knapp 160 Jahren nicht“, stellt Mareis schmunzelnd fest.

Berichte über sieben Gerichtsbezirke

Volkskunde Die Physikatsberichte wurden im 19. Jahrhundert nur für politische Zwecke verwendet, die Bevölkerung durfte sie nicht lesen. Derzeit lagern sie in den Staatsarchiven und werden nach und nach veröffentlicht. Unter dem Titel „Volks- und landeskundliche Beschreibungen entlang der Iller“ hat Gerhard Willi von der Bezirksheimatpflege Schwaben im Jahr 2013 die Berichte für die Bezirke Neu-Ulm, Roggenburg, Illertissen, Babenhausen, Memmingen, Ottobeuren und Grönenbach veröffentlicht. Herausgeber ist Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl, der auch eine Einführung verfasst hat. „Die Artikel sind aufgrund der ausführlichen Beschreibungen eine aufschlussreiche Quelle über die Zustände dieser Zeit in unserer Region. Sie werden durch die Veröffentlichungen an Bedeutung gewinnen“, ist sich der Roggenburger Archivar Mareis sicher. Der Band ist im Buchhandel erhältlich.