Jobwelt Ein Mitarbeiterdorf fürs Legoland

Günzburg / Stefan Czernin 26.07.2018

Groß ist es nicht, das Reich von Norbert Kovacs in den Mitarbeiterunterkünften des Legolands in Günzburg: Ein Zimmer, 16 Quadratmeter groß mit Bett, Fernseher, Kühlschrank, einem kleinen Schreibtisch sowie mit Dusche und WC ausgestattet. Funktional, nicht eben gemütlich. Aber Kovacs ist zufrieden, er fühlt sich in seinem Quartier direkt am Vergnügungspark wohl.

Der 44-jährige Ungar ist in einer von 1200 Saisonarbeitern, die den drittgrößten Freizeitpark Deutschlands mit 55 Attraktionen und einer Kapazität von 2600 Übernachtungsgästen in Hütten, Hotels und Campingplätzen am Laufen halten.  Im vergangenen Jahr war er für zwei Monate nach Günzburg gekommen, in diesem Jahr arbeitet Kovacs die komplette Saison als Kellner.  Im Feriendorf oder am Dschungelbuffet.

Kovacs kommt aus Szeged, einer Großstadt im Süden Ungarns. Dort leben seine Ehefrau und sein Sohn. Bekannt ist die Stadt für ihr Festival, „eine Woche lang Konzerte und Musicals“, so der 44-Jährige. Er ist Lehrer, wie seine Ehefrau. „Für Geschichte und Geografie.“ Allerdings sind die Gehälter für Lehrer in Ungarn niedrig. „Ich würde weniger als die Hälfte als hier im Legoland verdienen.“ Nicht genug, um seine Familie ausreichend zu unterstützen.  Weil er zu Hause einen Kredit zurückzahlen muss, arbeitet Kovacs in Doppelschichten.

Aus mehr als 50 Ländern

Dass der Familienvater überhaupt als Saisonarbeiter im Legoland anheuern konnte, liegt daran, dass der Freizeitpark  für seine Mitarbeiter Unterkünfte bereitstellt. 66 zusätzliche entstehen gerade am Rand des Parks, sie sollen im August bezugsfertig sein.  Dann gibt es elf zweistöckige Gebäudekomplexe mit insgesamt 126 Einzel- und 8 Doppelzimmern. Fünf Millionen Euro hat das Unternehmen dafür investiert.

Von dieser Lösung profitieren beide Seiten, sagt Legoland-Geschäftsführer Martin Kring. Auf dem überhitzten Wohnungsmarkt sei es gerade für Saisonarbeiter fast unmöglich, eine bezahlbare Bleibe zu finden. Da nehmen viele das Angebot gerne an, sich für 250 Euro im Monat in den Mitarbeiterunterkünften einzumieten. Aber auch der Park hat ein vitales Interesse daran, Wohnraum für seine Mitarbeiter anzubieten. Diese kommen aus mehr als 50 Ländern, so Kring. Ungarn, Kroatien, Litauen, Finnland und so weiter. Sie arbeiten als Köche, Kellner, Zimmermädchen, Verkäufer.  Viele sind moderne Wanderarbeiter, sie jobben auf Kreuzfahrtschiffen oder im Winter auf Skihütten, um zur Legoland-Saison, die vor Ostern beginnt und in den  November hineingeht, nach Günzburg zu kommen.  Norbert Kovacs   etwa plant, während des Winters in einem Restaurant in Budapest zu kellnern.

Weiteres Hotel eröffnet

Angeworben werden die Saisonkräfte über Internetportale wie Eures, berichtet Personalleiterin Manuela Müller. Auch soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram spielen eine wichtige Rolle.  Zudem ist der Anteil  von Wiederkehrern hoch, zu Saisonbeginn lag er bei 78 Prozent. In der Hochsaison sinkt er etwas ab, weil dann viele Studenten im Park etwas dazuverdienen. Der Freizeitpark ist auf seine internationalen Arbeiter angewiesen, es  ist schlicht unmöglich, diese aus der Region zu rekrutieren. „Im Landkreis herrscht annähernd Vollbeschäftigung“, sagt Geschäftsführer Kring.  Bei gerade einmal 1,6 Prozent  lag die Arbeitslosenquote im Juni im Landkreis Günzburg.  Im März hat ein weiteres Hotel  mit 596 Betten im Feriendorf eröffnet. „Allein für das Hotel brauchen wir 150 zusätzliche Mitarbeiter“, berichtet Kring.

Darum sind Leute wie Norbert Kovacs für das Legoland so wichtig. Dem Familienvater und Lehrer gefällt die Arbeit im Feriendorf und im Park. „Das ist eine Kinderwelt.“  Mit seiner eigenen Familie ist er über das Internet in Kontakt. Trotzdem vermisst er sie.  Im September werden seine Ehefrau und sein Sohn zu Besuch nach Günzburg kommen. Besonders der elfjährige Levente freut sich darauf, berichtet Kovacs. Sein Sohn sei ein riesiger Legofan.

„Verfehlte europäische Arbeitsmarktpolitik“

Gewerkschaft „Es macht viel Sinn, den Saisonarbeitern vernünftige Unterkünfte zu bieten“, sagt Tim Lubecki, Regionalgeschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Zu hinterfragen seien jedoch die Gründe, warum Männer und Frauen  oftmals aus Süd- und Osteuropa  für eine Arbeit in Europa herumreisen müssen. „Kommen die freiwillig? Oder haben die einfach keine Alternative?“ Lubecki hält die Arbeitsmarktpolitik in der EU in diesem Bereich für verfehlt.

Verdienst 10,10 Euro beträgt der Stundenlohn für Saisonkräfte im Servicebereich, so das Legoland. Dazu kämen Zuschläge. In jedem Bereich liege das Gehalt über dem gesetzlichen Mindestlohn. Das bestätigt die NGG.

Konzern Das Legoland gehört zur britischen Merlin Entertainments Group.  Der Jahresumsatz des Unternehmens betrug 2017 rund 1,6 Milliarden Pfund.

Wohnraum Unterkünfte für Mitarbeiter sind in der Region nicht nur im Legoland Thema. Beispielsweise baut auch der Landgasthof Hirsch in Finningen ein Gebäude mit 25 Wohnungen für seine Angestellten.

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