Senden/Kreis Neu-Ulm Echtes Miteinander setzt ein offenes Herz voraus

Diskussion in der Lebenshilfe Senden: Links vorne die Behindertenbeauftragte der bayerischen Staatsregierung, Irmgard Badura, daneben eine Frau, die von ihren Problemen bei der Jobsuche berichtet. Rechts die Wahlkreis-Bewerber, erkennbar sind Karl-Martin Wöhner, Werner Weiss und Beate Merk. Foto: Volkmar Könneke
Diskussion in der Lebenshilfe Senden: Links vorne die Behindertenbeauftragte der bayerischen Staatsregierung, Irmgard Badura, daneben eine Frau, die von ihren Problemen bei der Jobsuche berichtet. Rechts die Wahlkreis-Bewerber, erkennbar sind Karl-Martin Wöhner, Werner Weiss und Beate Merk. Foto: Volkmar Könneke
NIKO DIRNER 06.07.2013
Wohn- und Arbeitsstätten inmitten der Gesellschaft, Unterstützung der Familien. So lauten zwei der Forderungen, die Politiker jetzt von behinderten Menschen und ihren Angehörigen zu hören bekamen.

Sie könne zwar nur wenig sehen, sagt Irmgard Badura, die fast blinde Behindertenbeauftragte der bayerischen Staatsregierung. Aber sie habe mitbekommen, dass sich die Werkstätte der Lebenshilfe Donau-Iller in Senden in einem Gewerbegebiet befindet. Das finde sie schade, sagte Badura an die auf dem Podium versammelten Direktkandidaten für die bayerische Landtagswahl gewandt. "Denn wir wollen mit Ihnen arbeiten, mit Ihnen zur Schule gehen, mit Ihnen alt werden." Ihr Wunsch sei es, dass sich behinderte und nicht behinderte Menschen "auf Augenhöhe" begegnen. Dafür brauche es vor allem anderen "ein offenes Herz".

Baduras Rede war eine der bewegendsten Momente in der von der Lebenshilfe am Donnerstag organisierten Diskussion im Vorfeld der Wahlen 2013, Slogan: "Wir mischen uns ein." Es gehe darum, den Politikern "die Sorgen, Probleme und Wünsche von Menschen mit Behinderung und deren Angehörigen" nahezubringen, sagte vorab Manfred Gombert vom Lebenshilfe-Vorstand. Der Einladung gefolgt waren Landesjustizministerin und CSU-Kandidatin Beate Merk, Karl-Martin Wöhner (SPD), Werner Weiss (Freie Wähler), Maximilian Deisenhofer (Grüne, Kreis Günzburg), Gabriela Schimmer-Göresz (ÖDP, in Vertretung des nominierten Ulrich Hoffmann) und Xaver Merk (Linke). Alle Politiker betonten, die Anliegen behinderter Menschen hätten für sie selbst wie auch für ihre Partei einen sehr hohen Stellenwert.

Die Behinderten brachten konkrete Anliegen vor. Eine junge Frau berichtete von ihren Problemen, einen richtigen Job zu finden. Erst habe sie gerichtlich durchsetzen müssen, dass sie nicht als voll erwerbsgemindert eingestuft wird. Dann habe sie auf 40 Bewerbungen hin nur Absagen erhalten. "Diese Erfahrungen haben mich sehr deprimiert." Sie plädierte dafür, behinderte Menschen schon von Kindesbeinen an in die Gesellschaft zu integrieren, "und sie nicht gleich in Sondereinrichtungen zu stecken". Dafür gab es langen Applaus.

Beate Merk antwortete, diese so genannte Inklusion entwickele sich derzeit gut. Ihr sei es wichtig, jedem behinderten Kind eine Wahlfreiheit zu geben. "Will es auf eine Regelschule gehen mit all ihren Herausforderungen? Oder will es lieber unter Seinesgleichen sein?" Der angehende Lehrer Deisenhofer meinte, dafür habe die Staatsregierung keine Voraussetzungen geschaffen. Er rechne zwar damit, behinderte Kinder in der Klasse zu haben, doch es habe dazu in seinem Studium keinen einzigen Kurs gegeben. Hier müssten Reformen her. Außerdem müssten ausgebildeten Betreuern mehr Stunden bezahlt werden. Zusätzliche Mittel forderten auch Xaver Merk und Schimmer-Göresz. Ministerin Merk entgegnete, 2012 hätten fast 31 000 Lehrer Fortbildungen zur Inklusion gemacht. Zudem müssten alle Forderungen unter der Maßgabe eines ausgeglichenen Staatshaushalts geprüft werden. "Das ist auch was für die Zukunft."

Einem Vater einer behinderten Tochter ging die Diskussion zu weit. Er forderte die Politik dazu auf, die "Inklusion in der Familie" zu fördern. Die Eltern wüssten am besten, was ihre Kinder wollten. Mit dem von der ÖDP geforderten Familiengehalt hätten Eltern die Möglichkeit, daheim zu bleiben oder sich Hilfe zu kaufen, sagte Schimmer-Göresz. Karsten Stommel, Personaldienstleister und Vater einer behinderten Tochter, monierte: Viele Unternehmen würden behinderte Mitarbeiter einstellen, könnten sich aber die Kosten, etwa für den Einbau eines rollstuhlgerechten Klos, nicht leisten. Wöhner antwortete, dafür gebe es Zuschüsse.

Beate Merk fasste nach gut eineinhalb Stunden die Debatte zusammen: "Es tut sich viel. Es läuft was. Ich denke: Hier in der Region sind die Politiker als Ansprechpartner für Behinderte da. Und zwar alle."

Zwei weitere Diskussionen für das Wahljahr 2013