Illertissen/Neu-Ulm Drogenhandel: Mutter springt für Tochter ein

Illertissen/Neu-Ulm / STEFAN CZERNIN 15.03.2012
Hatte die Tochter mal keine Zeit, übernahm die Mutter den Marihuanaverkauf. Die 48-Jährige erhielt eine Bewährungsstrafe, die Tochter sitzt in Haft.

Es wird wohl nicht oft vorkommen, dass Amtsgerichtsdirektor Thomas Mayer eine Angeklagte wegen ihrer Hilfsbereitschaft derart streng ins Gebet nimmt. "Sie hätten nicht aushelfen dürfen", sagte er gestern in einer Verhandlung des Neu-Ulmer Amtsgerichts gleich mehrfach. "Damit sind Sie selbst aktiv geworden; und das ist das Schlechte an der Sache." Angeklagt war eine 48-jährige Illertisserin, die im Sommer 2011 viermal jeweils 20 Gramm Marihuana an einen 23-Jährigen verkauft und dafür insgesamt 1000 Euro kassiert hat. Sie hatte die Vorwürfe zu Verhandlungsbeginn eingeräumt. Allerdings will sie das Geld nicht für sich behalten, sondern an ihre Tochter weitergegeben haben.

Über die Mittzwanzigerin sei das "Hauptgeschäft" abgewickelt worden, erklärte der 23-jährige Marihuana-Käufer, der als Zeuge geladen war. Hatte die Tochter keine Zeit, sprang kurzerhand die Mutter ein - und wickelte die Drogengeschäfte stellvertretend ab. Die Tochter sitzt seit November in Memmingen in Untersuchungshaft, gegen sie wird in der kommenden Woche verhandelt. Ihr wird vorgeworfen, mit Marihuana "im Kilobereich" gehandelt zu haben, sagte Mayer.

Der 23-jährige Neu-Ulmer hatte als Kronzeuge auch gegen sie ausgesagt - und die Mittzwanzigerin so hinter Gitter gebracht. Im Polizeigewahrsam habe die Tochter einen Suizidversuch unternommen, erklärte die 48-Jährige in der Verhandlung. Zunächst hatte sie sogar geglaubt, dass ihre Tochter tot sei. Deshalb habe sie dem 23-Jährigen am Telefon gedroht: "Du hast meine Tochter auf dem Gewissen, du wirst jetzt auch sterben." Auch das hatte die Angeklagte eingeräumt.

Der 23-Jährige ist ein Bekannter der Familie; während einer Maßnahme für junge Straftäter in Namibia hatte er einen Sohn der Angeklagten kennengelernt. Die 48-jährige Illertisserin hat drei Kinder, lebt von Sozialhilfe. Sie ist einschlägig vorbestraft, vor einigen Jahren hatte sie etwa Drogen an Jugendliche verkauft. Trotzdem beließ es Mayer bei einer einjährigen Bewährungsstrafe wegen Drogenhandels und Bedrohung, dazu kommen Arbeitsstunden. "Ihre Bewährung hängt am seidenen Faden." Bei der nächsten Verfehlung komme es zu einer unerfreulichen Familienzusammenführung - im Gefängnis.