Illertissen/Dietenheim Die Hungersnot nach Tambora

Im Vergleich zu Tambora 1815 in Indonesien war der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull in Island vor sechs Jahren vermutlich richtig harmlos. Rauch und Vulkanasche vonTambora ließen in Deutschland den Sommer ausfallen. Im Illertal kam es zu einer großen Hungersnot.
Im Vergleich zu Tambora 1815 in Indonesien war der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull in Island vor sechs Jahren vermutlich richtig harmlos. Rauch und Vulkanasche vonTambora ließen in Deutschland den Sommer ausfallen. Im Illertal kam es zu einer großen Hungersnot. © Foto: dpa
Illertissen/Dietenheim / HARALD KÄCHLER 16.02.2016
1815 brach in Indonesien der Vulkan Tambora aus. Eine beispiellose Klimakatastrophe folgte. Missernte, Teuerung und Hungersnot trafen 2016 auch das Illertal, wie zeitgenössische Quellen belegen.

Die verheerende Eruption des indonesischen Vulkans Tambora im Jahre 1815 hatte nicht nur schreckliche Folgen für die unmittelbare Region in Indonesien mit rund 70.000 Todesopfern. Im Jahr danach gab es auch gravierende Auswirkungen auf das Klima in Mitteleuropa. 1816 ging als das "Jahr ohne Sommer" in die Geschichte ein, ohne dass die von dieser Klimakatastrophe betroffenen Menschen wussten, was zu dieser unerklärlichen Wetterverschlechterung geführt hatte. Heftige Gewitter und sintflutartige Regenfälle suchten Süddeutschland und die Schweiz heim, Schnee fiel noch bis Ende Mai und dann schon wieder Anfang Oktober 1816.

Die Durchschnittstemperatur soll um zehn Grad niedriger gewesen sein als in normalen Jahren. Die Ernte fiel buchstäblich ins Wasser, die wenigen Kartoffeln mussten im Spätherbst unter einer dichten Schneedecke ausgegraben werden. Im Winter 1816/17 stiegen deshalb die Kornpreise ins Horrende. Das löste eine erste große Auswanderungswelle aus Württemberg aus, der eine zweite nach 1848 folgte. Die Volkswirtschaft in Süddeutschland litt noch unter den Folgen der Napoleonischen Kriege, die Regierung unter dem "dicken König Friedrich" von Württemberg, der nicht in der Lage, Abhilfe zu schaffen. Auch Illertissen war betroffen, wie Anton Kanz in seiner Chronik berichtet: "Das Jahr 1816 versprach sehr fruchtbar zu werden. Da stellte sich im Sommer unendlicher Regen ein. Das viele Getreide und Viehfutter konnte deshalb nicht heimgebracht werden und verfaulte auf den Feldern. Die Folge hievon war eine furchtbare Hungersnot. (...)" Bis zur Ernte 1817 war laut Kanz die Not entsetzlich: "Mehr als die Hälfte der Einwohner nährte sich vier Monate tatsächlich wie das liebe Vieh von Gras. Hiezu fanden Brennesseln, Gänsekraut und der Gutheinrich, weich gekocht, vor allem Verwendung. Wie bei jeder Hungersnot wurden nebenbei noch viele unappetitliche Sachen verspeist." Welche das waren, darüber schweigt sich Kanz aus. Die Getreidepreise schnellten in Illertissen in astronomische Höhen, das Bier war ebenfalls fast unerschwinglich.

Nicht anders im benachbarten Dietenheim, worüber die Korrespondenz des damaligen Schultheißen Neuer Auskunft gibt. Ende des Jahres 1816 schrieb der rührige und verantwortungsbewusste Schultheiß an den Inhaber der Grundherrschaft Dietenheim-Brandenburg, den bayerischen General Graf von Deroy: Die Not der "Communen" Dietenheim, Regglisweiler, Hörenhausen und Weihungszell sei groß, "von allen baaren Mitteln entblößt, sehen sie der so dunklen Zukunft mit bangen Sorgen entgegen" (Stadtarchiv Dietenheim). Der Graf solle daher "diese armen Gemeinden nöthigenfalls gegenwärtig mit Früchten unterstützen." Zwei Monate später berief Neuer eine Bürgerversammlung appellierte an alle, "die nicht wirklich arm sind", einen Beitrag für die "vor Hunger schmachtenden Armen" zu leisten. General Deroy hatte ein Einsehen mit seinen Dietenheimer Untertanen und gab von Februar bis August 1817 Dietenheim monatlich zwölf Gulden, Regglisweiler fünf, Hörenhausen und Weihungszell je zwei Gulden dreißig Kreuzer. Die allgemeine Armut veranlasste den Schultheißen, die "Armenfuhr" der Witwe Trögele, geborene Denzel, in ihre Heimat Dietenheim zurückzuweisen mit der Begründung, den "hiesigen Ort, der mit solchen Bettelleuten schon so sehr angefüllet ist, dieser Last entledigen zu wollen."

Das Ende der schrecklichen Hungersnot und Teuerungswelle wurde dann im August 1817 mit dem Einzug geschmückter Erntewagen überall groß gefeiert. So auch in Illertissen, worüber der Ortschronist Anton Kanz 90 Jahre später berichtete: "Es war ein prächtiger ländlicher Festzug. War das ein Jubel und eine Lust droben im Schloßhofe, als unter Musik, Gesang und Schießen, Essen und Trinken das Fest seine Fortsetzung fand. (...) Abends strahlten im farbigen Lichte am Schloßtore die Worte 'Sauf, wer saufen kann; und lall, wer lallen mag.' Diese derbe Einladung hatte der lustige Rentbeamte anbringen lassen."

Schenkt man Kanz also Glauben, muss sich an diesem denkwürdigen Tag im Herbst 1817 ganz Illertissen in einem Vollrausch befunden haben.

Wie der Ulmer Dekan das Kartoffelbrot erfand

Die Historikerin und Journalistin Sabine Kaufmann hat schon 2013 das Buch "1816. Das Jahr ohne Sommer. Geschichten einer süddeutschen Klimakatastrophe" herausgegeben. Darin schildert die Autorin in neun Episoden aus der Sicht verschiedener Betroffener die Ereignisse des furchtbaren Jahres; unter anderem, wie beispielsweise der erste katholische Dekan Ulms, Fortunat Fauler, in einem Albdorf das Kartoffelbrot erfunden hat. (ISBN978-3-7650-8618-2)

 

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel