Region Den Blick auf das Opfer wenden

Region / MARLENE MÜLLER 05.10.2013
Bei Zivilcourage gilt: Wer nicht wegschaut, geht meistens auf den Täter los. Im Notfall sollten sie sich aber mit dem Opfer beschäftigen, haben die Teilnehmer eines Seminars im Landratsamt Neu-Ulm gelernt.

Mal ganz ehrlich: "Würden Sie Verletzungen in Kauf nehmen bei Zivilcourage?" Die Frage zu Beginn des Seminars im Landratsamt Neu-Ulm spaltet die Gruppe. Rund 15 Teilnehmer meinen "Ja" und stehen auf der einen Seite. Die weiteren 15 sagen "Nein" und stehen auf der anderen Seite. Manche haben gezögert, sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden. Doch Referent Murat Sandikci lässt keinen Zweifel daran: "Bei Zivilcourage gibt es keine Mitte", sagt der 42-jährige ehemalige Türsteher, der seit mehreren Jahren Kurse zu Gewaltprävention und Zivilcourage gibt. Mit der räumlichen Trennung der Teilnehmer in "Ja" und "Nein" will er klarmachen: Wer nicht wegschauen will, muss eingreifen - und das möglichst schnell.

Hat also Dominik Brunner damals in der Münchener S-Bahn alles richtig gemacht? Er griff ein, als zwei Jugendliche im September 2009 ein paar Schüler bedrohten. Und wurde daraufhin selbst totgeprügelt. Ein tragisches Beispiel für Zivilcourage. Doch hätte es vielleicht auch ein gutes Ende nehmen können?

Sandikci glaubt das: "Er hätte gemeinsam mit den Schülern weggehen können, anstatt gegen die Täter vorzugehen." Wegen prominenter Fälle wie Dominik Brunner sind die Leute in Sandikcis Seminar gekommen. Zudem hat jeder seine ganz eigenen Gründe. Der 60-jährigen Angela Sigmund zum Beispiel ist Zivilcourage seit Jahren ein Anliegen. Ihrer Meinung nach gibt es kein Patentrezept: "Man darf nicht erwarten, in ein paar Stunden lernen zu können, wie man sich verhält." Sandikci bestätigt, dass man sich wiederholt mit der Problematik auseinandersetzen sollte.

In seinen Seminaren lehrt er keine Mittel der Selbstverteidigung, wie sie im Kampfsport eingesetzt werden. Hier würde sich nur jahrelanges Training als nützlich erweisen. Stattdessen gibt er den Teilnehmern einen zentralen Rat: "Beschäftigen Sie sich mit dem Opfer!" Fast alle Helfer legen sich nämlich mit den Tätern an. Damit bringen sie sich auch selbst in Gefahr (siehe Infokasten).

Das Opfer, nicht den Täter fokussieren - dieser Tipp ist für die meisten überraschend. Der 53-jährige Cumhur Turgut hat schon einmal, ohne es damals zu wissen, nach dieser Strategie gehandelt. Er zog ein Opfer aus dem Kreis mehrerer Angreifer. In seinem Beruf - er sucht für Unternehmen Auszubildende - hat er mit jungen Leuten zu tun. Viele von ihnen sind, wie er selbst, türkischstämmig. Immer wieder erfährt er von Übergriffen. Manchmal sind seine Schützlinge Täter, manchmal Opfer. Aggressivität gegenüber Migranten sei nur ein Aspekt, bei dem Zivilcourage nötig sei, sagt die Integrationbeauftragte des Landkreises Neu-Ulm, Renate Kögel, am Rande des Seminars. Selbiges hat sie organisiert, damit die Teilnehmer im Fall der Fälle "nicht vor einem Blackout stehen".

Zum Schluss des Seminars zeigt Sandikci eine Videoaufnahme. Die Teilnehmer sehen, wie ein Junge am Bahnsteig brutal zusammengeschlagen wird. Ein Mann greift den Schläger an, drängt ihn vom Opfer weg. Auch wenn alles gut ausgegangen ist, hat sich der Helfer selbst in Lebensgefahr gebracht.

Andererseits: Hätte er gezögert, erst andere Passanten um Hilfe gebeten und den Täter nicht abgehalten, hätte der Junge am Boden wohl nicht überlebt. Die Teilnehmer des Kurses diskutieren. Eine eindeutige Antwort finden sie allerdings nicht. Sandikci empfiehlt generell einzugreifen, er betont aber: Zivilcourage bringe "immer eine Gefahr mit sich".

Info Im Herbst wird das Seminar "Zivilcourage" erneut angeboten. Auskunft hierzu gibt die Integrationsbeauftragte Renate Kögel unter Tel. (0731) 704 06 09.

Tipps von Anti-Gewalt-Trainer Murat Sandikci
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