Historie Kein Denkmalschutz: Alte Funktechnik wird entsorgt

Nersingen/Ulm / Niko Dirner 08.02.2018
Müssen ehemalige Exponate des Telefunken-Museums erhalten bleiben? Die Behörden haben dagegen entschieden. Doch die Kritik verstummt nicht.

Detlef Gröbe sitzt in seinem Wohnzimmer und versteht die Welt nicht mehr. „Warum“, sagt er und seine Stimme bricht, „warum fragt uns denn keiner?“ Vor sich hat er einen Ordner mit Fotos des ehemaligen Museums „Radar und Funk“ in Ulm. 18 Jahre lang hat sich der ehemalige Telefunken-Ingenieur mit Kollegen um die Ausstellung auf dem Werksgelände gekümmert. Und jetzt sollen Exponate vernichtet werden, ohne dass er oder andere Experten gehört werden. Das setzt dem 79-Jährigen zu.

Vergangene Woche hat diese Leidensgeschichte begonnen, als nach Nersingen ausgelagerte, mutmaßlich denkmalgeschützte Exponate des 2016 geschlossenen Museums in Schrottcontainer verladen wurden. Angeordnet hatte dies die Firma Hensoldt als Nachfolgerin von Telefunken. Nach einem kurzfristigen Vernichtungs-Stopp am Montag steht fest: Das ist Schrott, das kann weg.

Begutachtung am Mittwoch

So haben Experten – Helmut Kalupa und ein Kollege vom Denkmalschutz der Stadt Ulm, Dr. Michael Hascher von der Abteilung Industrie- und Technikgeschichte im Landesdenkmalamt sowie ein Vertreter von Hensoldt – am Mittwoch geurteilt.

Die Stadt schreibt: In den Containern gelandet seien „soweit erkennbar nur Teile, die nicht zum Denkmalwert der Sammlung beitragen“. Also: historische Bilder, Messgeräte oder Ersatzteile sowie Büro- und Werkstattausstattungen, die allenfalls „eine didaktisch sinnvolle Ergänzung bilden“. Der größere, 2016 als denkmalwürdig erkannte Teil der Sammlung, befinde sich bei Hensoldt in der Wörthstraße.

Hensoldt-Sprecher Lothar Belz ergänzt: „Es handelt sich um nicht schützenswertes Material, nämlich ausrangierte Messgeräte, Mobiliar und Prototypen/Funktionsmuster.“ Die eigentliche Telefunken-Sammlung werde „unversehrt“ auf dem Werksgelände verwahrt. „Die von verschiedenen Personen erhobenen Vorwürfe, wir hätten Kulturgut widerrechtlich beseitigt, haben sich als haltlos erwiesen.“ Damit sei die Sache für Hensoldt erledigt.

„Es hat sich ergeben, dass die sogenannten Museumsstücke verschrottet werden können“, sagt ein Sprecher der Recyclingfirma. Von Seiten Hensoldts sei festgestellt worden, „dass es sich sogar um eine teilweise illegale Sammlung handelt“.

„Das gilt nicht“, sagt Hans-Walter Roth vom Freundeskreis für ein AEG-Telefunken-Museum auf die Entscheidung der Denkmalschutzbehörden. „Das gilt nicht, so lange unsere Experten, die die Geräte jahrelang betreut haben, nicht gehört werden.“ Man könne meinen, Hensoldt habe etwas zu verbergen. Es habe schon früher Verschrottungen gegeben. „Wenn jetzt das Material vernichtet wird, ist nicht nur das Kulturgut recycelt, auch Beweismaterial wird vernichtet.“

Weil die Mitglieder des Freundeskreises nicht zugezogen wurden, behalte man sich weiterhin „strafrechtliche Schritte“ gegen die Geschäftsleitung von Hensoldt vor. Firmensprecher Belz sagt dazu, letztlich könnten nur die Denkmalbehörden beurteilen, welche Teile erhaltenswert sind, „nicht eine Gruppe, die in dieser Diskussion selbst Partei ist“.

In seinem Wohnzimmer ist Detlef Gröbe mit seinem Album durch. Eine Stunde ist um. Er hat viel erzählt. Etwa, wie sich er, Fritz Arends und andere Teile des von Telefunken gebauten Kurzwellensenders Wertachtal sicherten. Wie sie die Geräte im Museum arrangierten, sich Regale bauen ließen, Besucher begeisterten. Alles für die Katz? „Die haben doch keine Ahnung“, sagt er.

Statement der Stadt Ulm

Bedeutung Die im Besitz der Firma Hensoldt befindliche Sammlung „Radar und Funk“ besitzt eine hohe technikgeschichtliche Bedeutung. Den Kern bilden Funk- und Radargeräte, die bei Telefunken in Ulm entwickelt und produziert wurden. In einem nächsten Schritt soll der Gerätebestand unter Federführung des Landesamts für Denkmalpflege erfasst, bewertet, dokumentiert werden.