Insolvenz Darum musste die Illertisser Krone schließen

„Betriebsurlaub“ steht auf dem Schild neben der Tür. Aber ob der Gasthof je wieder öffnet, ist ungewiss.
„Betriebsurlaub“ steht auf dem Schild neben der Tür. Aber ob der Gasthof je wieder öffnet, ist ungewiss. © Foto: Bianca Frieß
Illertissen / Bianca Frieß 15.06.2018
32 Jahre lang hat Jürgen Willer in der Illertisser Krone seine Gäste bekocht. Nun muss der Gasthof schließen.

Am Freitag gibt Jürgen Willer den Schlüssel ab. Den Schlüssel zu „seiner“ Krone. 32 Jahre lang hat er in dem Illertisser Traditionslokal Gäste aus der ganzen Region bekocht. Er war für seine gehobene regionale Küche bekannt, in vielen Gastronomie-Führern gelistet. Nun musste er Insolvenz anmelden. Als die Nachricht vor ein paar Wochen bekannt wurde, hat Willer sich erstmal zurückgezogen. Zehn Tage Tirol, absolute Ruhe. Wie es ihm heute geht? „Gut“, sagt er. „Das erste Tal der Tränen habe ich hinter mir.“

Inzwischen hat sich auch schon einiges getan: Willers Mitarbeiter sind mittlerweile alle in anderen Betrieben untergekommen. In den vergangenen Tagen hat das Team noch geholfen, den Gasthof auszuräumen. Alte Gläser, Teller und andere Gebrauchsgegenstände wanderten in einen großen Container. „Fünf Tonnen mussten raus“, sagt er. Die Küche bleibt aber komplett. „Damit der nächste Pächter nicht jeden Schneebesen neu kaufen muss.“

Ob es überhaupt einen neuen Pächter gibt, ist dabei noch ungewiss. Die Familie Vogt, der das Gebäude gehört, ist auf der Suche. „Aktuell führen die Verantwortlichen Gespräche mit allen Beteiligten“, teilt die Kanzlei Pluta mit, die als Insolvenzverwalter beauftragt wurde. Bisher konnte allerdings noch keine Nachfolgelösung für den Gasthof gefunden werden. Der Betrieb ruhe daher erstmal weiterhin. Ein neues Konzept für den Gasthof gibt es aber schon, erzählt Willer. „Es soll traditionell bleiben, aber frisch und modern aufgepeppt werden – eventuell auch mit einem Außer-Haus-Service.“ Es werde nun jemand gesucht, der das umsetzen kann. „Denn so kann es nicht weitergehen.“

Dass die Wirtschaft schließen musste, dafür gibt es mehrere Gründe. Nummer eins: Die Besucher blieben aus. „Der ältere Gäste-Kreis ist weggebrochen“, sagt Willer. Und bei den Jüngeren stehe seine gehobene Küche nicht mehr so hoch im Kurs, die Wertschätzung für hochwertiges Essen sinke. „Man gibt heute mehr Geld für Freizeitgestaltung und Urlaube aus, weniger fürs Essen.“ Vielen sei das Essen in der Krone zu teuer gewesen.

Unattraktive Arbeitszeiten

Außerdem fehlte es am Personal. Zuletzt haben noch vier Mitarbeiter die Arbeit in der Küche gestemmt – früher waren es bis zu 15. „Das wollen nicht mehr viele machen“, sagt Willer. Und wer die Lehre durchziehe, werde direkt von der Berufsschule abgeworben. Etwa von Gastronomen aus dem Allgäu, die dank vieler Touristen als Gäste höhere Gehälter bezahlen können. Bei den großen Ketten seien die Arbeitszeiten außerdem attraktiver, sie könnten Schichtdienste anbieten. In der Krone arbeitete die Küche immer von 9 bis 14.30 Uhr und wieder von 17 bis 22 Uhr – dazwischen gab es eine Pause. „Da sieht dich die Familie kaum“, sagt Willer.

Der Personalmangel machte sich bemerkbar: Der Gasthof musste seinen Umsatz drosseln, konnte keine großen Catering-Aufträge mehr annehmen. „Früher haben wir bei Firmenveranstaltungen 1000 Leute den ganzen Tag über bewirtet“, sagt Willer  – das ging irgendwann nicht mehr. Und auch der bürokratische Aufwand, habe ihm zu schaffen gemacht. „Die Auflagen sind immer mehr geworden.“

Der Wirt war sein ganzes Leben lang mit der Krone verbunden. Früher, in seiner Jugend, war der Gastraum sein zweites Wohnzimmer, wie er sagt. „Hier gab es die einzige Musikbox in Illertissen.“ Im Jahr 1986 hat er den Gasthof übernommen. Nun möchte er erstmal einen klaren Schnitt machen. „Das ist wie eine Scheidung“, sagt er. Der Gastronomie will er aber treu bleiben, irgendwo in Ulm anfangen. Dort war er schließlich immer einkaufen, hat sich in den vergangenen Jahren ein großes Netzwerk aufgebaut. Ans Aufhören denkt der 59-Jährige jedenfalls noch nicht so schnell. „Die Gastronomie ist mein Leben, meine Erfüllung.“

Zusammenarbeit mit Insolvenzverwalter läuft gut

Kanzlei Als Insolvenzverwalter wurde die Kanzlei Pluta aus Ulm beauftragt, ein großes Büro mit insgesamt 40 Niederlassungen und mehr als 400 Mitarbeitern.  „Wir wollten einfach keinen Leichenfledderer, der hier alles Stück für Stück ausverkauft“, sagt Wirt Jürgen Willer.

Kooperation Die Zusammenarbeit mit dem Büro Pluta laufe seiner Ansicht nach bisher sehr gut – ebenso wie die Kooperation mit den Hausbesitzern, der Illertisser Familie Vogt. „Wir haben ein sehr gutes Verhältnis.“

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