Wegen der Corona-Krise sind öffentliche Gottesdienste bis auf Weiteres verboten. Viele Gemeinden in der Region wollen trotzdem Kontakt zu den Gläubigen halten – und werden kreativ. Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Senden bietet schon seit vergangenem Sonntag einen Gottesdienst-Livestream an.

„Meiner Erfahrung nach suchen die Menschen in Krisenzeiten Gottesdienste sehr bewusst auf“, sagt Pfarrerin Kathrin Bohe. Sie wollte ein Angebot schaffen, um das auch weiterhin zu ermöglichen – auf eine gewisse Weise zumindest. Die Idee eines Livestreams, also einer Übertragung im Internet, steht in der Gemeinde schon länger im Raum. Zunächst ganz unabhängig von der Corona-Pandemie.

Gemeinde will modernisieren

„Wir sind gerade dabei, ein bisschen zu modernisieren“, sagt Christoph Rüd. Der 17-Jährige ist in der Gemeinde aktiv, kümmert sich vor allem um die Social-Media-Arbeit. „Wir versuchen, die Jugend besser zu erreichen.“ Der Internetauftritt wurde modernisiert, ein Instagram-Account ins Leben gerufen. Als nächster Schritt war eben der Gottesdienst-Livestream geplant. „Das wurde nun durch die Krise zur Priorität Nummer eins“, sagt Rüd.

Innerhalb von zwei Tagen wurden die Voraussetzungen für den Videostream geschaffen. Dafür hat Rüd mit seinem Freund Richard Mehr zusammengearbeitet. Die beiden sind in einer kleinen Jugendband, die oft in den Gottesdiensten spielt. Und sie kümmern sich in der Gemeinde um alles, was Technik angeht, sagt Rüd. „Ich habe meistens die Ideen, und Richard setzt das dann um.“ Der 18-Jährige kenne sich aus, er macht eine Ausbildung zum Veranstaltungstechniker.

Pfarrerin Bohe: „Das ist schon ein bisschen advanced.“

Die Jugendlichen haben eine Webcam angeschafft – für den Anfang zumindest. „In Zukunft soll das noch professioneller werden“, sagt Rüd. Sein Freund hat seinen leistungsfähigen Laptop in die Kirche gestellt. Die Tonspur des Pfarrers wird direkt von einem Mischpult eingespeist. Außerdem haben die beiden noch ein extra Raum-Mikro installiert. „Damit wir den Raumklang, zum Beispiel Orgelmusik, mit streamen können“, erklärt Rüd. Die Liedtexte werden direkt über das Video gelegt.

„Das ist schon ein bisschen advanced“, sagt Pfarrerin Bohe. „Ich finde es cool, dass die Jungs das hingekriegt haben.“ Das Angebot wurde über verschiedene Mailverteiler und Whatsapp-Gruppen bekannt gemacht. Am vergangenen Sonntag – damals war die Öffentlichkeit aber noch nicht ganz von den Gottesdiensten ausgeschlossen – lief der Livestream zum ersten Mal auf der Webseite auferstehungskirche-senden.de. „Ich war sehr positiv überrascht, wie viele das in Anspruch genommen haben“, sagt Bohe. Insgesamt waren 80 Geräte verbunden, davon haben 38 Stück den Gottesdienst dauerhaft verfolgt. Wie viele Menschen gemeinsam vor den Bildschirmen saßen, ist natürlich nicht bekannt. Die Gottesdienste sollen auf jeden Fall so lange online übertragen werden, wie die Öffentlichkeit ausgeschlossen ist – diesen Sonntag um 10 Uhr läuft das nächste Video.

Viele Ideen im Dekanat Neu-Ulm

Der Pfarrerin war es wichtig, dieses Angebot zu schaffen. Es gibt zwar auch Gottesdienste im Fernsehen. „Aber es ist was ganz anderes, die Kirche zu sehen, wo man sonst auch ist, und mit den Menschen verbunden zu sein, mit denen man sonst auch zusammen ist.“ Das sieht der Neu-Ulmer Dekan Jürgen Pommer genauso. „Für manche Menschen ist es wichtig, dass sie ihren eigenen Pfarrer erleben.“ Auch wenn man mit dem Video nicht alle Menschen erreichen könne, gerade einige Senioren nutzten kein Internet.

Im ganzen Dekanat Neu-Ulm gibt es viele Ideen und Bemühungen in diese Richtung, sagt Pommer. „Alle überlegen, wie wir weiter miteinander verbunden bleiben können.“ Ein Livestream sei technisch nicht überall möglich. Manche Gemeinden stellen dafür tägliche Andachten auf ihre Webseite, außerdem kann das Läuten der Glocken eine Verbindung schaffen. Sonntags sollen die Kirchenglocken zu den üblichen Gottesdienstzeiten der Gemeinden läuten. „Das ist auch eine Einladung, die Fernsehgottesdienste zu verfolgen und daheim am Bildschirm mitzufeiern.“

Für Senioren einkaufen

Gleichzeitig seien aber auch andere Angebote wichtig, sagt der Dekan: für Senioren einzukaufen, regelmäßig bei bestimmten Menschen anzurufen. „Damit die Leute das Gefühl haben: Die Kirche ist für mich da.“

80


Geräte waren dem Livestream am vergangen Sonntag in der Spitze zugeschaltet. 38 haben den Gottesdienst in der Auferstehungskirche die ganze Zeit über verfolgt.