Die Altare verhangen, ungeschmückt. Keine Kerzen. In der Vöhringer Stadtkirche St. Michael beten knapp 200 Gläubige den Rosenkranz, jenes katholische Andachtsgebet, das sich ständig wiederholend meditative Stimmung im ganzen Kirchentraum verbreitet. Die Gemeinde hat sich in Erwartung ihres Bischofes Konrad Zdarsa versammelt. In sich gekehrt sind die meisten. Andere erwarten den Augsburger Bischof neugierig. Darunter eine ganze Reihe von Fotografen.

Viel Weihwasser und -rauch

Ihnen und den Vöhringer Katholiken steht ein eher seltenes Schauspiel bevor. Zdarsa kommt, um in zwei Kirchen der Vöhringer Pfarreigemeinschaft den so genannten Busßritus zu vollziehen. Im Februar und März waren die Kirchen in Vöhringen, Illerberg und Bellenberg von einem 19-Jährigen mit teils satanisch-provozierenden Hassparolen beschmiert worden. „Kirchenschändung“ nennt der als konservativ bekannte aus Sachsen stammende Bischof die Schmierereien.

Weil Zdarsa in den Parolen auch die Heiligkeit der Kirchenräume verletzt sieht, hat er den Bußritus verordnet. Er soll die Heiligkeit der Gebetsräume wieder herstellen.

Gefolgt von Pfarrer Martin Straub, Kaplan Simon Stegmüller und einem guten Dutzend Ministranten zieht Zdarsa in die Vöhringer Kirche ein. Er will den Raum reinwaschen vom Frevel. Dafür segnet er Weihwasser, mit dem er den gesamten Kirchraum besprengt und symbolisch reinigt. Weihrauch füllt St. Michael. Wer  im Katholischen aufgewachsen ist, fühlt sich an die Hochämter der Kindheit erinnert. Für Glaubensferne mutet das mehrfache Umkreisen des Altars, das Schwingen der Weihwasserbürste wohl eher wie eine mittelalterliche Inszenierung an.

Eine halbe Stunde dauert die von Orgelklang und Bußgesängen begleitete Reinigung in Vöhringen, zu der auch Neu-Ulms Altlandrat Erich Josef Geßner gekommen ist. Jetzt hat die Kirchengemeinde wieder einen heiligen Ort zum Beten, von höchster Bistumsstelle hergestellt.

Konrad Zdarsa springt jetzt in seinen Dienst-Audi. Es geht weiter nach Bellenberg. Dort wird der Bischof bereits vor der Kirche von hunderten Katholiken erwartet. Die Bellenberger stehen nicht freiwillig vor dem Gotteshaus. Anders als in Vöhringen hatte der Augsburger Bischof  die „Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz“-Kirche nach den Schmierereien geschlossen.

Mit Stab und Mitra zieht Zdarsa in Bellenberg auf. Im Glockenturm läuft das volle Programm. Als der Bischof die schwere Tür zum im Unterschied zu Vöhringen modernen und kühlen Kirchenraum öffnet, stimmt die Menge zum Einzug die aus dem 7. Jahrhundert stammende Allerheiligenlitanei an.

Wie aus der  Zeit gefallen wirkt aber nicht nur dieser Fürbitten-Wechselgesang zwischen Vorsängerin und Gemeinde. Nach dem nächsten Weihwasserzug erinnert auch die Predigt des Bischofs an eine Zeit, in der katholische Geistliche noch weit ins Leben ihrer Gläubigen hineinwirkten und -tobten. Warum sonst sollte dem 72-jährige Zdarsa bei seinem „ausdrückliches Bekenntnis der Entschlossenheit“ nach dem Frevel ausgerechnet als erstes die Abtreibung einfallen?

Er wolle ein Zeichen setzen, sagte Zdarsa. Die Liturgie müsse „als Aufschrei der Gläubigen“ verstanden werden. Davon wünscht sich der Bischof offenbar mehr. „Aber wer schreit denn von uns, wenn die Ebenbilder Gottes zu Hunderttausenden schon im Mutterleib zerstückelt und zerstört, dem Hungertod und Bombenhagel ausgeliefert und wegen ihres Glaubens verfolgt und vertrieben, grausam gequält, gefoltert und öffentlich hingerichtet werden?“, schmetterte Zdarsa in den weitläufigen Bellenberger Kirchenraum. Man dürfe es nicht einfach hinnehmen, „wenn unser Glauben und unser Glaubensleben verspottet, geschmäht und angegriffen werden“. Zumindest einigen Teilnehmern des Gottesdienst schien dieses Vehemenz doch etwas zu viel zu sein. Sie verzichten auf das Abendmahl und ziehen aus dem Bußritus hinaus in einen lauen Frühlingsabend.