Blaulicht Bei starkem Regen kann der Digitalfunk in die Knie gehen

Kennt den Digitalfunk: Brandrat Bernhard Schmidt.
Kennt den Digitalfunk: Brandrat Bernhard Schmidt. © Foto: Stadt Senden
Niko Dirner 15.06.2018

Auch wenn die Region Donau-Iller bisher von größeren Schäden verschont geblieben ist: Starke Regenereignisse häufen sich, und die Feuerwehren sind durchaus gefordert. Ausgerechnet in solchen Situationen, stellt sich jetzt heraus, kann der vor gut einem Jahr eingeführte digitale Funk für Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei und Behörden (BOS) zeitweise ausfallen. Das hat die Feuerwehr Lindau kürzlich feststellen müssen – und danach öffentlich gemacht. Der Neu-Ulmer Kreisbrandrat Bernhard Schmidt bemüht sich auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE um ein differenziertes Bild.

Zum einen betont der oberste Feuerwehrmann im Kreis, dass er und seine Kameraden noch nie Probleme mit der neuen Technik hatten. Es sei aber bekannt, dass sich in dem System bei starkem Regen oder Hagel womöglich keine Verbindung mit der Leitstelle aufbauen lässt. „Das ist physikalisch bedingt“, sagt Schmidt. Die elektromagnetische Welle, die die Funkgeräte aussenden, werde von den unzähligen Tropfen absorbiert. Weil es im Digitalen nur Null oder Eins gibt, also ganz oder gar nicht, kommt dann kein Kontakt zustande. Bei der alten, analogen Technik war es so, sagt Schmidt, dass bei Störungen immerhin noch ein Rauschen zu hören war. Und da der Austausch zwischen Feuerwehrleuten formalisiert läuft, über feststehende Begriffe, habe man sich damit oft die Botschaft zusammenreimen können.

Der Kreisbrandrat hält aber fest: Wenn es stark regnet, fällt nur der Kontakt zur Basisstation aus. Es besteht dann also keine Verbindung mehr zur Zentrale. Untereinander können die Einsatzkräfte – auch die Polizei nutzt ja das Netz – weiterhin kommunizieren. In Lindau war zuletzt wohl auch das nicht mehr  möglich, weil gleichzeitig zwei Basisstationen ausfielen. Zudem gibt es dort wohl generell Nachbesserungsbedarf, der derzeit bayernweit mit der höchsten Priorität abgearbeitet wird. Eigentlich, sagt Schmidt, „kann es nicht sein, dass ich niemand mehr erreiche“.

Weitere Kritik aus Lindau kann Schmidt so nicht nachvollziehen. Dort schimpft etwa der Rettungsdienst, dass in Gebäuden mit dicken Mauern keine Verbindung aufgebaut werden kann. „Das war auch so nie geplant“, sagt der Neu-Ulmer Kreisbrandrat. Im Keller des Landratsamtes etwa habe er eben kein Netz. Dennoch sei die „Eindringtiefe“ der Digital-Technik „wesentlich“ größer als beim Vorgängersystem. Zudem könnten die Einsatzkräfte einen mobilen Verstärker, englisch: Repeater, setzen. Und in Neubauten sei ohnehin der Einbau einer Funkanlage vorgeschrieben.

Funkloch ist sichtbar

Und Schmidt sieht weitere Vorteile im Digitalfunk: Die Geräte zeigen nämlich stets die Feldstärke an. „Ich sehe also, wenn ich in einem Funkloch bin und kann dann meinen Standort wechseln.“ Außerdem seien die Geräte – nach entsprechender Schulung natürlich – wesentlich einfach zu bedienen, so könne über ein Drehrad etwa die Gruppe gewechselt werden. Und das Behördennetz sei wesentlich ausfall­sicherer als etwa der Mobilfunk: Die BOS-Funkmasten verfügten über Batterien, die bei einem Stromausfall genug Saft für zwei Stunden hätten. Derzeit werde überlegt, auf noch länger laufende Brennstoffzellen umzustellen.

„Digitalfunk ist keine Wundertechnik“, fasst Schmidt zusammen. Es gebe Grenzen. Dennoch sei das neue System dem alten, analogen weit überlegen.

Acht neue Funkmasten im Landkreis aufgebaut

Aufwand Im Landkreis Neu-Ulm wurden acht Funkmasten für den Digitalfunk aufgebaut. Die Kommunen beschafften für Feuerwehr und Katastrophenschutz insgesamt 1039 Funkgeräte: 894 Handsprechfunkgeräte für 336 000 Euro, 225 Sprechfunkgeräte für Fahrzeuge für 102 000 sowie 20 Festfunkstationen für Feuerwehrhäuser für 14 000 Euro. Das Land gewährte Fördermittel, rund 183 000 Euro sind ausbezahlt. In Illertissen schuf der Landkreis eine hauptamtlich besetzte taktisch-technische Betriebsstelle für die Verwaltung der Geräte. Daran lassen sich 10 000 Parameter einstellen. Zum Start Anfang Juli 2017 waren bereits 1500 der rund 3000 Feuerwehrleute geschult.

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