Festakt Bayern feiern Freistaat in Illertissen

100 Jahre Freistaat: Dieser runde Geburtstag ist gestern in Illertissen gefeiert worden. Gäste – darunter Ex-Fußballstar Paul Breitner (ganz links) und Regisseurin Lisa Miller (Mitte) – diskutierten darüber, was für sie Heimat bedeutet.  
100 Jahre Freistaat: Dieser runde Geburtstag ist gestern in Illertissen gefeiert worden. Gäste – darunter Ex-Fußballstar Paul Breitner (ganz links) und Regisseurin Lisa Miller (Mitte) – diskutierten darüber, was für sie Heimat bedeutet.   © Foto: Volkmar Könneke
Illertissen / Claudia Schäfer 21.07.2018

Acht (Wahl-) Bayern sind gestern in der historischen Schranne auf Einladung von Stadt und Landkreis Neu-Ulm zu Wort gekommen. Sie alle, von Landrat Thorsten Freudenberger bis Filmemacherin Lisa Miller, hatten ihre ganz eigene Antwort darauf, was die Jubiläen von Freistaat (100 Jahre) und Verfassung (200 Jahre) heute bedeuten. Der Heimatbegriff trieb alle um.

Beate Merk, CSU-Landtagsabgeordnete und frühere Europaministerin, geboren in Niedersachsen, erklärte in ihrer Festrede, warum sie „Wahl-Bayerin mit ganzem Herzen“ sei. Seit seiner Gründung sei der Freistaat ein Ort „weltoffener und toleranter Menschen“, die das Land weiterentwickelt hätten bis zu seinem jetzigen Status als internationaler Industriestaat. „Heute fürchten alle anderen den Vergleich mit Bayern, es hat den Nimbus eines Macherstaats.“

Vielleicht auch, weil die Bayern selbstbestimmt sein wollten: „Wir lassen uns nichts aufpfropfen.“ Gerade das Grenzland Schwaben, in dem „Weißwürste und Maultauschen auf der Speisekarte friedlich aufeinander treffen“, biete eine Lebensqualität, die es nicht von der Stange gebe.

Mit Blick auf 200 Jahre Verfassungsstaat Bayern mahnte der Neu-Ulmer Landrat Thorsten Freudenberger, Demokratie sei kein Zustand, sondern jeder müsse dafür eintreten: „Und das gerade in Zeiten, in denen manche die Demokratie ankratzen wollen.“ Bayern, das sei der Stolz auf die eigenen Wurzeln und ein Selbstbewusstsein, das aber nie zur Selbstherrlichkeit werden dürfe. Sein Herz schlage höher, wenn es um Bayern gehe.

Filmemacherin Lisa Miller, die gerade mit ihrem in Ulm, Weißenhorn und Bubenhausen gedrehten Film „Landrauschen“ Kinopremiere feiert, wandte sich gegen „Heimathysterie“. Sie wolle mit ihrem Film „die Illusion einer heimeligen, kitschigen Heimat brechen“, sagte sie in einer von Ronald Hinzpeter von der Illertisser Zeitung moderierten Gesprächsrunde. Heimat sei vielleicht gar kein Ort, sondern ein Lebensgefühl. Die Regisseurin aus Weißenhorn, die in Leipzig wohnt und schon längere Zeit im Ausland lebte, sagte, sie habe aus der Distanz „einen klareren Blick“ auf die Heimat bekommen.

Dass der Begriff „Heimat“ inzwischen inflationär gebraucht werde, nachdem er lange Jahre verpönt gewesen sei, bestätigte Bezirksheimatpfleger Peter Fassl, selbst bekennender „Berufsschwabe“. Aber das Wort „Heimat“ sei positiv besetzt, denn Heimat bedeute in einer globalisierten Welt einen zuverlässigen Ort. Um diese „Heimat“ kümmerten sich Zugezogene manchmal mehr als die Einheimischen. Man könne Heimat durchaus lernen. „Aber man muss sich damit befassen“, wie er sagte.

Heimat sei nicht eine Summe von Orten, Straßen und Gebäuden, sondern eine Summe von Menschen, betonte Andreas Koop, Designer des Heimatmuseums Illertissen. Für den Designer gehören Heimatgefühle „besser nach innen als nach außen“. Einen „wahnsinnigen Stolz“, ein Überlegenheitsgefühl lehne er ab, denn so gebe es „immer auch Unterlegene“.

Wo die Uhren richtig gehen

Auch für den früheren Abtprimas von St. Ottilien, Notker Wolf, gehören zum Heimatbegriff Menschen, dazu Geborgenheit. Wenn ein Nordlicht sage, in Bayern gingen die Uhren anders, müsse er sagen, in Bayern gingen die Uhren richtig, so der Geistliche. Der Freistaat sei „ein Land, in dem man gut leben kann“.

Fußball-Legende Paul Breitner, Weltmeister 1974, vielfacher Deutscher Meister und Europacup-Sieger mit Bayern München, erzählte von seiner langen Freundschaft mit dem Ulmer Uli Hoeneß. „Wir haben uns vom ersten Tag an gemocht, weil wir völlig unterschiedliche Einstellungen und Charaktere haben“. Er selbst, Breitner, sei „Bayer – und dann lang nix“. Auf die Frage, wie der schwäbische FC Augsburg deutscher Meister werden könne, sagte Breitner: „Die Idee vergessen.“ Der FC Bayern als „fußballproduzierendes Großunternehmen“ sei bundesweit Spitze – und das werde noch lange so bleiben.

Made in Bavaria

Unterschied „Made in Germany“ bedeute in der Welt zu 90 Prozent „Made in Bavaria“, sagte der ehemalige Fußball-Star Paul Breitner gestern beim Festakt in Illertissen. Und weil der wirtschaftliche Erfolg so wichtig sei, rate er den bayerischen Schwaben, sich in Unterscheidung zu den württembergischen Schwaben in „Westbayern“ umzubenennen. Das gebe Schwaben Chancen, „die Zukunft noch besser zu gestalten, mit dem Rückenwind, den Bayern hat“.

Widerspruch Prompter Widerspruch kam von Bezirksheimatpfleger Peter Faßl und Andreas Koop. Schwaben sei doch mehr als ein geografischer Begriff, so Faßl. Und Koop schlug vor, stattdessen Oberbayern doch in „Ostschwaben“ umzubenennen.        

Hymne „Hei! Griaßdi Gott, Ländle“, heißt die Schwabenhymne, die der Illertisser Dreigesang vortrug. Geschrieben wurde sie im 19. Jahrhundert von Josef Fischer alias Hyazinth Wäckerle, die Musik stammt von Franz Biebl. Und natürlich endete der Festakt mit der Bayernhymne.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel