Elchingen Autosattlerei ist Handwerk pur - Oldtimer-Boom sorgt für anhaltenden Aufschwung

Elchingen / REGINA FRANK 28.04.2015
In der Halle reiht sich ein schönes Auto ans andere. Hier werden neue Echtledersitze eingebaut, dort das komplette Innenleben ausgetauscht. Die Autosattlerei Oschwald pflegt ein traditionelles Handwerk.

Die Cabrios kommen um diese Zeit zum üblichen Geschäft hinzu: In der Halle steht ein 50 Jahre alter Mercedes SL 23 D, dessen Sitze mit Echtleder bezogen und wieder eingebaut wurden. Auf der anderen Seite ein Karmann Ghia, genauer: dessen rohe Karosse. Er bekommt eine Komplettausstattung: neuer Teppich, neue Türverkleidung, neues Verdeck, neue Sitze. Den Aufwand schätzt Sattlerei-Inhaber Michael Kruse auf mehr als 100 Arbeitsstunden. Ein VW Käfer Cabrio aus den 1970er Jahren bekommt ebenfalls das "komplette Programm". Um nur einige zu nennen. Kruse und seine sechs Mitarbeiter können an sieben Fahrzeugen gleichzeitig arbeiten, ohne sich in die Quere zu kommen.

Michael Kruse liebt Autos, und er liebt seine alte Nähmaschine. Er arbeitet seit 31 Jahren mit ihr, kennt jedes ihrer Geräusche. Die Maschine näht nur vorwärts und rückwärts, ganz ohne den technischen Schnickschnack moderner Nähmaschinen - die der Autosattler selbstverständlich auch in seiner Werkstatt stehen hat. Aber bei den Nähten eines Sitzbezugs kommt es auf Millimeter an, da verlässt sich Kruse lieber auf das gewohnte Zusammenspiel der altmodischen Maschine und seiner Hände. Er übt einen alten Handwerksberuf aus, der heute noch Handwerk pur ist und Zukunft hat, davon ist der Autosattler überzeugt. Der Oldtimer-Boom bescherte der Branche neue Nachfrage, Ausbesserungen für moderne Autos und Polster für Cafés und Wohnungen sind eher Randbereiche.

Kruse verlegte vor einem Jahr den Betrieb von Ulm nach Elchingen. Er benötigte mehr Platz. Der Unternehmer investierte mehr als eine halbe Million Euro in den neuen Firmensitz. Sohn Philip (23) geht bei ihm in die Lehre und sagt: "Ich werde auf jeden Fall meinen Meister machen - mit dem Ziel, den Betrieb zu übernehmen." Er schätzt an dem Beruf, nicht immer nur Ausführender eines vorgegebenen Plans zu sein. "Der Beruf ist kreativ - man hat viele Möglichkeiten, einen Autositz herzurichten." Der junge Mann kann - wohlgemerkt - echte Vergleiche anstellen: Er lernte zuvor schon Metallbauer.

Der Vater ist für ihn Vorbild. Handwerklich und unternehmerisch. "Er hat den Betrieb hochgebracht." Einen Betrieb, in dem Kruse zunächst 30 Jahre lang Mitarbeiter war. Vor fünf Jahren kaufte er die Autosattlerei. Philips Schwester Sophie (17) lernt übrigens auch den Beruf des Vaters, die Frauen überwiegen sogar in dem kleinen Betrieb. Egal ob Mann oder Frau: Alle schrauben sie genauso selbstverständlich wie sie nähen.

Die Kunden der Sattlerei kommen mitunter von weit her, viele aus einem Umkreis von 200 Kilometern, einige bis aus Norwegen, Belgien, Liechtenstein. Deshalb hat Kruse bei der Suche nach einem neuen Standort auch einen Ort mit Bahnhof gesucht: Die Kunden bringen ihre Fahrzeuge und fahren mit dem Zug zurück.

Das tollste Auto, das der Sattler aufgehübscht hat, ist zugleich das teuerste, das er je herrichten sollte: ein Mercedes-Benz Tourenwagen vom Typ SS (Baujahr 1928). Er ist zehn Millionen Euro wert. Das Faszinierende daran: "Ich durfte ein Auto machen, das es weltweit nur noch zwei Mal gibt." Beide Oldtimer stehen in Museen, der andere wird nach Kruses Information allerdings nicht mehr hergerichtet.

Der Autosattler musste vor der Restauration des alten Mercedes erst aufwendig recherchieren, wie der Originalzustand des Wagens gewesen sein mochte. Die Farbe und die Innenausstattung waren schon schwer zu rekonstruieren, noch schwieriger gestaltete sich die Recherche einer authentisch Lederart. "Von einer hundertprozentigen Rekonstruktion kann ohnehin keiner reden", meint er. Anders ausgedrückt: Möglich ist immer nur eine Annäherung.

Der Beruf des Autosattlers bietet all jenen Perspektiven, die Geschick mitbringen, Sorgfalt, Sinn für Gestaltung und ein Faible für Autos. Sie haben die Möglichkeit sich selbstständig zu machen. Und sie können ihr Glück bei einem großen Autohersteller machen.

Kruse macht 300.000 Euro Umsatz und ist zufrieden damit. Weiter vergrößern will er seine Autosattlerei nicht. In einem größeren Betrieb müsste er sich vor allem um dessen Organisation kümmern - dem Handwerker liegt jedoch viel mehr daran, selbst an den Autos Hand anzulegen.