Alkoholismus Alkoholismus: Der Druck der Sucht

Auch an Silvester bieten die Anonymen Alkoholiker Gesprächsrunden für Betroffene und Angehörige an.
Auch an Silvester bieten die Anonymen Alkoholiker Gesprächsrunden für Betroffene und Angehörige an. © Foto: Felix Kästle/dpa
Ulm/Neu-Ulm / Claudia Schäfer 28.12.2017
Zu keiner anderen Zeit im Jahr wird so viel getrunken wie um den Jahreswechsel. Für Alkoholiker eine kritische Zeit.

Alkohol, das weiß der 57-jährige Andreas sehr gut, ist allgegenwärtig und zumindest für Erwachsene immer verfügbar. Für Menschen mit einem Alkoholproblem bedeutet das eine ständige Versuchung und einen ständigen Kampf. Gerade um den Jahreswechsel, sagt Andreas, der ehrenamtlich bei den Anonymen Alkoholikern arbeitet, hätten viele Probleme: Zum seelischen „Durchhänger“ in der dunklen Winterzeit kämen der Weihnachtsstress und oft auch enttäuschte Erwartungen in das „Fest der Liebe“. Und dann natürlich die vielen Feste, Betriebsfeiern, Weihnachtsmarktbesuche, das Christbaumloben, die Silvesterparty. „Und überall wird Alkohol getrunken.“

Andreas selbst ist seit vielen Jahren trocken, und er weiß aus Erfahrung, wie schwer es ist, ständig Nein zu sagen. Für viele Alkoholkranke sei eine Notlüge der einfachste Ausweg: „Ich nehm’ gerade Tabletten und darf nichts trinken“, sei eine davon. „Nee, ich muss noch Auto fahren“, eine andere. Alles in Ordnung, sagt der 57-Jährige: „Ich muss ja nicht jedem mein Problem auf die Nase binden.“ Wer stark genug sei, dem rate er aber eher zu dem einfachen Satz: „Ich will heute nichts trinken.“ „Das reicht und ich verwickle mich nicht immer weiter in eine Lüge.“ Aber grundsätzlich, betont Andreas, sei alles erlaubt, was helfe, trocken zu bleiben.

Denn anders als immer wieder öffentlich propagiert, sei für Alkoholkranke jedes kleine bisschen Alkohol kritisch. Ein Alkoholiker, dessen Sucht sich ja über Jahre und Jahrzehnte entwickelt habe, könne nie wieder zum Genusstrinker werden, warnt Andreas.

Auf Dauer sei die Sucht nicht zu kontrollieren. Das eine Glas Sekt zu Silvester schade scheinbar noch nicht, doch das nächste Mal seien es wieder zwei Gläser, und irgendwann sei „der nächste Rausch programmiert“: „Ein bisschen Alkoholiker gibt’s nicht“, sagt Andreas. Sogar er spüre nach den vielen abstinenten Jahren noch manchmal den Suchtdruck.

Um durchzuhalten sei es wichtig, das Problem zu erkennen und zu entscheiden, was nun das Wichtigste ist. „Das ist die eigene Gesundheit, die eigene Zukunft.“ Ein Alkoholiker geht in Zeiten, in denen er trinkt, nicht gut mit sich und seiner Umgebung um. Nur anderen zuliebe trocken zu werden sei aber schwer, es müsse immer auch aus eigenem Antrieb passieren. Nicht alleine da zu stehen, sondern sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, sei da eine wichtige Hilfe. „Von diesen Leuten kann ich lernen.“

Der Kreis der Anonymen Alkoholiker biete auch in akuten Krisen Hilfe, gerade jetzt über die Feiertage, betont Andreas. Das sei wichtig. „Irgendjemand aus der Gruppe ist immer telefonisch erreichbar.“ Falls doch nicht, gebe es einen Notfallbutton auf der Homepage der AA, über den ständig jemand erreichbar sei.

Eines ist Andreas wichtig: Er und die anderen Anonymen Alkoholiker verdammen und bekämpfen Alkohol nicht. „Aber für Alkoholkranke gibt es eben immer einen Grund, nicht nur zu trinken, sondern zu saufen. Und das macht einen Menschen kaputt.“

Unterstützung für Betroffene

Gespräche An Silvester bieten die Anonymen Alkoholiker zwei Meetings an, bei denen auch Angehörige teilnehmen können. Das erste Treffen findet von 14 bis 15.30 Uhr im Saal von St. Albert in Offenhausen statt, das zweite Treffen am selben Ort von 15.45 Uhr bis 17.15 Uhr.

Akut Für Betroffene aus dem Raum Ulm/Neu-Ulm gibt es ein Kontakttelefon unter Tel. (07307) 92 37 41. Die Termine der regelmäßigen Meetings stehen auf der Homepage, www.anonyme-alkoholiker.de – über den Hilfe-Button auf der Startseite erhalten Betroffene jederzeit Unterstützung.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel