Soziales Auch mit Handicap selbstbestimmt leben

Kreis Neu-Ulm / Claudia Schäfer 15.08.2018

Alleine leben, alleine den Haushalt führen, selbständig sein: Das war Anfang der 90er Jahre Werner Gauers größter Wunsch. Das Zuhause des damals 40-jährigen war ein Wohnheim der Lebenshilfe. So, wie es eben üblich war für Menschen mit Handicap. Doch Gauer wollte mehr Eigenständigkeit. Und so starteten die Verantwortlichen der Lebenshilfe den damals bundesweit einmaligen Versuch, für behinderte Menschen Wohnungen anzumieten und ihnen so ein großes Stück Selbstbestimmung zu geben. Das „ambulant betreute Wohnen“ (ABW) war geboren.

Inzwischen nutzen fast ein Drittel der von der Lebenshilfe Donau-Iller betreuten Menschen das ABW. Tendenz steigend. Und längst gibt die Lebenshilfe ihre Erfahrung weiter und kooperiert dabei mit Hochschulen, um Expertisen zu entwickeln.

Wie spannend die Anfänge des ABW waren, daran erinnert sich Gudrun Häcker noch gut. Als Frau der ersten Stunde arbeitet sie im ABW und hat auch Werner Gauer auf seinem Weg begleitet. Drei Jahre bereitete sie ihn auf das Leben in den eigenen vier Wänden vor – mit Waschtraining, Putztraining, Freizeittraining. Letzteres sei sehr wichtig, um die Vereinsamung der Menschen zu verhindern, betont Jürgen Heinz, Geschäftsführer der Lebenshilfe. Es sei eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, Menschen mit Behinderung bei alltäglichen Freizeitaktivitäten einzubinden, sagt Heinz: „Das ist Inklusion.“

Immer wieder gehe es beim ABW ums Netzwerken, sagt der Geschäftsführer. Wohnungen müssen gefunden, Befürchtungen der Nachbarn abgebaut werden. Letzteres sei zu Beginn oft schwierig und brauche Überzeugungsarbeit, laufe dann aber meist sehr gut. Und auch bei den Eltern der Klienten müsse Überzeugungsarbeit geleistet werden, die „größte Herausforderung“. Eltern von behinderten Menschen falle es oft schwer, loszulassen, Vertrauen in das ja schon erwachsene Kind und auch in die Lebenshilfe zu haben. „Die Eltern haben oft ganz andere Wünsche als der Klient, da ist es unsere Kunst, auszugleichen.“

Früher seien die Klienten aus dem Wohnheim ins ABW gezogen, inzwischen werde der Sprung direkt aus der Familie versucht. Immer unter der Voraussetzung, dass der Klient die Grundvoraussetzungen erfülle: Er müsse sich an Absprachen halten können, ein Wochenende auch mal allein gestalten und regelmäßig zur Arbeit kommen können.

Dass die Wohnung aufgeräumt, das Bad geputzt ist und sich der Bewohner zweimal täglich die Zähne putzt, gehört ausdrücklich nicht zu den Vorgaben, die die Lebenshilfe macht. „Selbstbestimmung steht ganz oben, wie das ja für jeden Menschen gelten sollte“, betont Stefanie Thoma. So habe die Lebenshilfe keine Schlüssel zu den Wohnungen. Die Basis des ambulanten Wohnens sei Vertrauen. „Der Klient muss uns reinlassen wollen.“

Die Privat- und Intimsphäre der ABW-Klienten ist der Lebenshilfe wichtig, betont auch Geschäftsführer Jürgen Heinz. Vorbei die Zeiten, in denen ABW-Klient Hans-Ulrich Wäckerle klammheimlich im Wohnheim mit seiner Freundin ein Zimmer belegte, gedeckt vom Personal. Inzwischen wohnt Wäckerle mit seiner großen Liebe in einer Wohnung, vor 22 Jahren haben die beiden geheiratet. Gauer ist verlobt.

Betreuer jederzeit erreichbar

Inzwischen gebe es alle Lebensentwürfe, Familien, Singles, Paare, verschiedene sexuelle Orientierungen, so Geschäftsführer Heinz. Die Gesellschaft sei bunt und die Lebenshilfe sei es auch.

Wie groß der Betreuungsbedarf ist, wie viele Stunden pro Woche die ABW-Klienten unterstützt werden, hängt vom Einzelfall ab. Von einer Stunde pro Monat bis 50 Stunden pro Woche gebe es alles, sagt Stefanie Thoma. Durchschnittlich sind es fünf Stunden pro Woche. Und wenn alle Stricke reißen, können die ABW-Klienten bei ihrem Betreuer anrufen. „Frau Häcker musste uns mal in Bad Schussenried abholen, weil wir nach einem Fest den letzten Zug verpasst haben“, erzählt Werner Gauer.

Die Klienten können sich in ihren eigenen vier Wänden entfalten. So spielt Werner Gauer Theater und Gitarre und singt in einer Band, dazu malt er. Wäckerle fährt nach der Arbeit gerne Fahrrad und geht auf Konzerte oder sieht fern – seine Frau und er haben jeweils ein eigenes Gerät, sagt er: „Das ist das Geheimnis einer guten Ehe.“

93 Wohnungen zwischen Illertissen und Langenau

Konzept Ambulant betreutes Wohnen (ABW) bietet die Lebenshilfe Donau-Iller inzwischen in 93 Wohnungen zwischen Illertissen und Blaustein, Langenau und Günzburg an. Rund ein Viertel gehört der Lebenshilfe. Bei der Beantwortung der Frage, ob das ABW für einen Klienten in Frage kommt, hilft die Wohnberatung der Lebenshilfe.

Barrierefrei Der Eigenanteil an Wohnungen soll steigen, sagt Geschäftsführer Jürgen Heinz. Auch, weil die Lebenshilfe eigene Wohnungen gleich barrierefrei bauen könne. In Senden soll bald ein neues ABW-Konzept verwirklicht werden: Um ein neues Wohnheim werden Satellitenhäuser mit ABW-Wohnungen gebaut. Die Lebenshilfe hofft, dass so auch Menschen mit einem höheren Betreuungsbedarf das ABW nutzen können. Auch für die Mitarbeiter wird die Betreuung der Klienten einfacher.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel