Naturschutz Auch im Wald beginnt das digitale Zeitalter

Weißenhorn / Claudia Schäfer 20.07.2018

Michael Schramms ist Inventurleiter, aber er zählt nicht etwa Lagerbestände von Firmen oder Supermärkten. Im Dienst des bayerischen Staatsforsts zählt und vermisst er Bäume, registriert ihren Zustand, ihr Wachstum und auch ihr Potential für den Natur- und Artenschutz. Viele Tage ist er in den bayerischen Wäldern unterwegs, derzeit in den Revieren des Forstamtes Weißenhorn.

Die dort laufende Waldinventur soll bis zum Frühjahr 2020 die Grundlagen für ein so genanntes neues „Operat“ liefern. Ein solches Planungswerk gilt für jeweils zehn Jahre und soll die nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder sicher stellen. Angesichts des Klimawandels ist das Operat auch eine Handlungsgrundlage, wie die Wälder fit gemacht werden können für die geänderten klimatischen Bedingungen. Denn der Klimawandel, daran lässt Forstamtsleiter Volker Fiedler keinen Zweifel, ist schon in vollem Gang.

Laubhölzer sind im Kommen

Für den einstigen „Brotbaum“ vieler Generationen, die Fichte, wird es schwer, sagt Fiedler: Wärmere Temperaturen und Trockenheit schwächen die Bäume, die zum gefundenen Fressen für Borkenkäfer werden. Auch höhere Windgeschwindigkeiten kann die Fichte nicht gut ab. Fiedlers Fazit: Machten Fichtenbestände, teils sogar reine Monokulturen, in den 80er Jahren bis zu 85 Prozent des Baumbestands im Wald aus, werden es künftig höchstens 50 Prozent sein. Im Kommen sind dagegen die Laubhölzer. Die Buche werde künftig bei 20 bis 30 Prozent liegen, die Eiche bei rund zehn Prozent. Bergahorn, Wildkirsche und Linde sind willkommene Ergänzungsbaumarten, ebenso die Douglasie. In den Auwäldern, wo die Eschen wegen des von Pilzen verursachten Triebspitzensterbens immer mehr verschwinden, werden Pappeln, Schwarznuss und verschiedene Weichlaubhölzer prägend.

Um aber zu entscheiden, wie der Weg dahin aussehen soll, wo eine intensivere Bewirtschaftung gewünscht ist oder wo Jungbestände gepflegt werden müssen, braucht es die Inventur und damit Michael Schramm und sein zehnköpfiges Team. Ausgestattet mit Tablet, digitalem Entfernungs- und Höhenmesser, einem so genannten Zuwachsbohrer, Messkluppen zum Bestimmen des Stammdurchmessers und Eispickeln als Grabwerkzeug, suchen die Inventurmitarbeiter im Laufe dieses Jahres 3400 Messpunkte im Bereich des Weißenhorner Staatsforstes auf, die schon bei den letzten Inventuren vor 10, 20 und 30 Jahren festgelegt wurden.

Um sie zu finden, brauchen sie leistungsstarke Metallsuchgeräte: Die Lage eines Messpunkts wird durch einen rund zehn Zentimeter großen Ringmagneten festgelegt, der im Waldboden vergraben wurde. Ist der gefunden, vergleichen Schramm und seine Kollegen den aktuellen Baumbestand mit den Daten von vor zehn Jahren. Die Fragen lauten etwa: Welcher Baum ist wie stark gewachsen. Welcher Baum fehlt? Welcher Baum ist Totholz und ökologisch interessant? Gibt es Schäden an den Bäumen?

Aufgeführt werden in drei Radien um den Magneten Bäume ab einem Stammdurchmesser, im innersten Radius ab zwölf Zentimeter, dem „bayerischen Maßkrugmaß“, wie Schramm sagt. Eine Stunde brauchen die Forstleute pro Messpunkt.

Im kommenden Jahr werden dann auf Basis dieser Daten so genannte „Forsteinrichter“ nochmals die gesamte Waldfläche begehen. Sie kartieren, wo Altbestände verjüngt werden sollen und wo junge Pflanzungen gepflegt werden müssen. Daraus ergibt sich dann auch, wo und wie viel Holz in den kommenden zehn Jahren, bis zur nächsten Inventur, geschlagen werden soll. Immer vor dem Hintergrund einer nachhaltigen Bewirtschaftung und einer sanften Aufforstung.

Keine Kahlschläge

Kahlschläge und folgende großflächige Neupflanzungen seien ein „No-Go“, sagt Forstamtsleiter Volker Fiedler. So was werde nur noch gemacht, wenn der Borkenkäfer wüte und das passiere in den Mischwäldern des digital erfassten „Waldes der Zukunft“ hoffentlich weniger.

9 Reviere, 14 500 Hektar

Größe Das Gebiet des Forstamts Weißenhorn umfasst 14 500 Hektar. Die neun Reviere liegen in den Landkreisen Neu-Ulm, Günzburg, Dillingen und Mindelheim.

Festmeter Die Holznutzung in den neun Revieren liegt nach Angaben des Forstamtes Weißenhorn bei rund 145 000 Festmetern jährlich. 

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