Kellmünz Anwohner: Gehupe des Zuges und lauten Schlag gehört

Kellmünz / WERNER GALLBRONNER 17.07.2013
Ein zerstörtes Auto, ein entgleister Triebwagen und überall Trümmer: Helfern bot sich am Mittwoch ein Bild der Verwüstung, nachdem ein Zug in Kellmünz ein Auto gerammt hat und entgleist war.

„Ich hab’ zuerst das Gehupe des Zugs gehört und dann einen lauten Schlag.“ So schildert eine Anwohnerin aus dem Wohngebiet Illerau in Kellmünz die Schreckensminuten am Mittwochmorgen: Kurz vor 7 Uhr war die Regionalbahn 757 57 aus Ulm am unbeschrankten Bahnübergang zwischen Illerau und Steinweg in den VW Golf einer 46-Jährigen gekracht. Der Zug schleifte das Auto auf den Schienen rund 150 Meter mit, anschließend entgleiste der vordere Triebwagen des zweiteiligen Zugs: Er drehte sich um 180 Grad und stürzte mit dem Auto den Bahndamm hinunter. Während der hintere Triebwagen gut 100 Meter auf den Schienen weiterrutschte, kippte der vordere nach Augenzeugenberichten „in einer riesigen Staubwolke“ auf die Seite und in die Gärten der angrenzenden Wohnhäuser. Das Unfallauto wurde regelrecht zermalmt. Es grenzt an ein Wunder, dass die Fahrerin lebend – wenn auch schwerstverletzt – gerettet werden konnte. Ein 21-Jähriger wurde aus dem Zug geschleudert und ebenso schwer verletzt wie ein weiterer, 52-jähriger Fahrgast.

„Wir haben gleich die 110 gewählt“, erzählt die Anwohnerin weiter. Noch vor den Rettungskräften seien ihre Familie, Nachbarn und Mitarbeiter der nahegelegenen Firma Butzbach zu den Verunglückten geeilt. „Die Männer haben den Leuten aus dem Zug geholfen, ich habe Decken gebracht“, berichtet die Frau. „Als ich angefahren bin, sind die Maßnahmen schon angelaufen“, lobte denn auch Benedikt Kramer, Kommandant der Kellmünzer Feuerwehr, die Ersthelfer. Neun der insgesamt rund 50 Fahrgäste der Regionalbahn wurden leicht verletzt, ebenso wie der 42-jährige Lokführer. Der ließ sich nach Aussagen der Feuerwehrmänner trotzdem nicht davon abhalten, bei der Rettung kräftig anzupacken.

Dem Großaufgebot von 150 Helfern der Feuerwehren, Rettungsdienste, von Polizei, THW und Bahn bot sich die Unglücksstelle als Trümmerfeld dar: Verschobene Gleise, darunter gebrochene Betonschwellen, ein zerstörter Bahndamm, an dessen Flanke Büsche, Sträucher und Hecken vom schlitternden Zug abrasiert wurden. Den Sachschaden schätzt die Deutsche Bahn AG auf rund 3,5 Millionen Euro.

Die Autofahrerin aus Kellmünz musste mit schwerem Gerät aus dem auf dem Dach liegenden Wrack befreit werden, ehe sie wie die anderen Schwerverletzten mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht wurde. Eine erste Vermutung, dass noch Kinder im Auto saßen, stellte sich glücklicherweise als falsch heraus.

Im Kellmünzer Feuerwehrhaus wurde eine Sammelstelle für die unverletzten Fahrgäste eingerichtet. Notfallseelsorger und ein Kriseninterventionsteam kümmerten sich um sie, ehe sie mit Kleinbussen des Roten Kreuzes und der Bahn nach Hause oder an ihr Fahrziel gebracht wurden. Noch Stunden später sammelten Helfer Habseligkeiten der Reisenden aus dem demolierten Zug ein. Sie warten nun im Feuerwehrhaus auf ihre Besitzer.

Nach Angaben der Bahn dürfen Züge an der Unglücksstelle bis zu 140 Kilometer pro Stunde fahren. Die mit Neigetechnik ausgestattete Regionalbahn nach Memmingen war ersten Schätzungen zufolge mit Tempo 100 oder mehr unterwegs. Genauere Aufschlüsse werde aber erst die Auswertung des Fahrtenschreibers bringen, sagte Thorsten Ritter, Pressesprecher des Polizeipräsidium Schwaben Süd/West: „Das kann aber noch einige Tage dauern.“ Auch die Bergung des Zuges stellt die Einsatzkräfte vor Schwierigkeiten.

Der Bahnübergang ist mit Andreaskreuz und rotem Blinklicht gesichert. Das Warnlicht hat nach ersten Erkenntnissen der Bahn funktioniert. Spekuliert wird nun, ob die 46-Jährige, die den Übergang in Richtung Osten überqueren wollte, wegen der tief stehenden Sonne das Warnlicht übersehen hat.

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