Weißenhorn Aluminiumschmelzwerk Oetinger meldet Insolvenz an

Weißenhorn / REGINA FRANK 28.06.2013
An Arbeit fehlt es nicht, sie erstreckt sich auch aufs Wochenende. Und trotzdem ist das Aluminiumschmelzwerk Oetinger in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Es ist offenbar in Teilen zahlungsunfähig.

Das Aluminiumschmelzwerk Oetinger hat Insolvenz angemeldet und dies mit teils drohender und teils eingetretener Zahlungsunfähigkeit begründet. Gestern ist das vorläufige Insolvenzverfahren eröffnet worden, zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Dr. Frank Kebekus (Düsseldorf) bestellt. Ziel sei es, das Unternehmen aufrecht zu erhalten und Arbeitsplätze und Standorte zu sichern, sagt der Direktor des Amtsgerichts Neu-Ulm, Thomas Mayer. Und: Ein so genanntes Schutzschirmverfahren, bei dem die bisherigen Geschäftsführer weiter agieren könnten, wie vom Unternehmen angedacht, werde es nicht geben.

An Aufträgen mangelt es nicht. In den Werken in Weißenhorn und Neu-Ulm stehen aktuell sogar Samstagsschichten an, berichtet Günter Frey von der Gewerkschaft IG Metall. Das Unternehmen habe offenbar vielmehr Probleme, seinen Rohstoff (Aluschrott) günstig einzukaufen und gewinnbringende Preise auf dem Markt durchzusetzen. Geschäftsführer Uwe Baur sei im April an die Gewerkschaft herangetreten, um Möglichkeiten auszuloten, die Lohnkosten zu senken - indem womöglich auf die Tariferhöhung verzichtet würde sowie auf das Urlaubs- und das Weihnachtsgeld. Als Grund für das Ansinnen habe der Geschäftsführer einen Liquiditätsengpass angeführt. Frey: "Aber die Lohnkosten machen nur sechs Prozent der Produktkosten aus." Die Gewerkschaft habe ihrerseits ein Gesamtkonzept für die Lösung der Misere eingefordert.

Am Stammsitz in Weißenhorn sind 180 Mitarbeiter beschäftigt, im Werk Neu-Ulm 140. Es gibt weitere Standorte in Hannover, Berlin und Gorcy in Frankreich (letzterer ist nach Gewerkschaftsinformationen nicht von der Insolvenz betroffen). Insgesamt beschäftigt die Oetinger-Gruppe 500 Mitarbeiter. Es gibt aktuell keine Kündigungen und keine Freistellungen, erfuhr Frey vom vorläufigen Insolvenzverwalter. Und die Mitarbeiter bekommen ihre Löhne weiter. Oetinger hat erst für Juni kein Gehalt mehr bezahlt. Frey geht jedoch davon aus, dass kein Zahlungsloch entsteht und die Agentur für Arbeit in diesem Monat Insolvenzgeld bezahlt. "Das bringt Sicherheit in die Mannschaft." Das zweite Signal aus dem Munde des Insolvenzverwalters habe sich an die Kunden gerichtet: In allen Werken werden die anstehenden Aufträge abgearbeitet, teilte er mit.

Bleibt die Frage, wie der Knoten zu lösen ist: Es wird gearbeitet und gearbeitet, aber kein Geld verdient. Die Insolvenz bringt jetzt jedenfalls etwas Luft und Zeit zum Nachdenken. "Der vorläufige Insolvenzverwalter muss drei Monate lang keine Löhne zahlen und keine Zinsen für Darlehen", sagt Frey, "er kann ohne diesen Druck nach einer Lösung suchen." Womöglich habe das Unternehmen zu viel auf Massenprodukte gesetzt und zu wenig auf das Premiumsegment.

Um Arbeitsplätze bangt Frey im Moment nicht. "Sie sind akut nicht gefährdet." Erst wenn der vorläufige Insolvenzverwalter einräumen müsste, er habe keine griffige Strategie, sei der Zeitpunkt für ihn gekommen, sich Sorgen zu machen.

Der Gewerkschaftsfunktionär gehört dem Gläubigerausschuss an, der Kebekus in der Frage unterstützen soll, wie die Werke fortgeführt werden können. Die Runde wird voraussichtlich nächste Woche zu einem ersten persönlichen Treffen einberufen. Frey: "Wir müssen rasch jemanden finden, der finanziell einsteigt."

Oetinger schmilzt Aluschrott ein und mischt das Material mit Kupfer, Titan, Strontium, Magnesium oder Silizium zu ganz unterschiedlichen Aluminium-Legierungen. Das Recyclingverfahren benötigt weniger Energie als bei der üblichen Herstellung von Aluminium gebraucht wird. Die Legierungen werden in flüssiger Form und als Barren verkauft, hauptsächlich an die Autoindustrie und deren Zulieferer, die daraus Motorteile wie Zylinderköpfe herstellen. Zu den Kunden von Oetinger zählen BMW, Mercedes-Benz, VW, Mahle, Handtmann, um nur einige zu nennen. Im Bereich der Aluminiumgusslegierungen ist das Unternehmen eigenen Angaben nach Marktführer in Europa.

Im Herbst vergangenen Jahres hat das Schmelzwerk extra seine Kapazitäten erweitert. Oetinger erwirkte beim Landratsamt Neu-Ulm eine Genehmigung, die Anlagen auch an Sonn- und Feiertagen laufen lassen zu dürfen. Dann wurden die Laufzeiten ausgeweitet.

Indes: Die Erträge stagnierten, mitunter waren sie rückläufig, wie Albrecht Lukas Hammel, Bevollmächtigter der Gesellschafter, im Februar am Rande eines Firmenrundgangs im Neu-Ulmer Werk berichtete. Den Gesamtumsatz bezifferte er mit 400 bis 500 Millionen Euro im Jahr. Zwei Drittel davon werden in Neu-Ulm und Weißenhorn erwirtschaftet. Hammel betonte damals schon: Der Umsatz sei stark vom Materialpreis beeinflusst.

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