Betrug „Misstrauisch sein und nicht auf die angezeigte Nummer verlassen“

Kripo-Kommissar Jürgen Salzmann stellt klar: Vorbeugend nimmt die Polizei kein Geld und keine Wertsachen in Verwahrung.
Kripo-Kommissar Jürgen Salzmann stellt klar: Vorbeugend nimmt die Polizei kein Geld und keine Wertsachen in Verwahrung. © Foto: Matthias Kessler
Neu-Ulm / Lisa Mahlke 25.08.2018

Falsche Polizisten versuchten im nördlichen Landkreis Günzburg und Neu-Ulm im Juli 31 Mal, Geld zu ergaunern, im August liegt die Zahl bisher bei 65. Dreimal kam es zur Geldübergabe. In Schönaich, Senden und Thalfingen stahlen Täter 68 500 Euro. Donnerstagabend wurden mehrere Blausteiner am Telefon belästigt.

Herr Salzmann, können Sie den Eindruck bestätigen, dass Vorfälle, bei denen sich Betrüger als Polizeibeamte ausgeben, mehr werden?

Jürgen Salzmann: Wir wissen natürlich nur von den Fällen, die uns auch jemand meldet. Allerdings gibt es eine Dunkelziffer. Viele gehen nicht zur Polizei, weil sie entweder nach einem Anruf denken, es ist nichts passiert, oder weil es sogar zur Geldübergabe kommt und sie sich im Nachgang schämen. In den Landkreisen sind es in den letzten Wochen immer mehr Fälle geworden. Das sind professionell organisierte Banden, die im Regelfall im Ausland sitzen und Personen haben, die das Geld für sie einsammeln.  Eine ganz neue Tendenz ist, dass die Täter nach 22 Uhr anrufen. Da sind viele ältere Leute schon im Bett.

Stimmt es denn, dass solchen Betrügereien vor allem Senioren zum Opfer fallen?

Wir gehen davon aus, dass die Täter gezielt im Telefonbuch nach älteren Vornamen wie Gerda oder Rosalinde suchen und eher nach älteren Wohngebieten statt nach Neubaugebieten mit jüngeren Familien Ausschau halten.

Warum gehen sie so vor?

Ältere Menschen glauben noch ausgeprägter an die Institutionen des Staates. Die Chance, dass sie die überzeugend vorgebrachte Geschichte glauben, ist höher. Auch, weil die Täter durch gezielte Gesprächsführung herausbekommen, ob die älteren Herrschaften alleine leben. Dann gibt es keine Tochter, Schwiegersohn oder älteren Enkel, dem man vom „komischen Anruf“ berichten kann.

Bei dem Sendener Fall haben die Täter die Angerufene aufgefordert, die 110 zu wählen, um sich über die Forderungen zu vergewissern – sie landete aber statt beim Notruf wieder bei den Betrügern. Wie funktioniert das?

Anscheinend ist es technisch möglich, wenn der Angerufene nur kurz auflegt und sofort die 110 wählt, dass die Betrüger den Anruf halten können. Dazu haben sie einen Freizeichenton eingespielt – die Frau kam aber wieder auf derselben Leitung raus. Der Anrufer übergibt dann an seinen Komplizen, der sich mit „Polizei-Notruf“ meldet. Das wirkt relativ glaubwürdig.

Manche Betroffene erzählen auch von der 110, die in der eingehenden Nummer auftaucht…

Es ist möglich, diese Nummer zu ändern. Dann kann es zum Beispiel sein, dass die Vorwahl 0731 und die 110 beim Anrufer auf dem Display erscheinen. Das ist ganz schwierig zurückzuverfolgen. Allerdings ruft die Polizei nie mit der 110 an, das ist eine Notrufleitung. Wenn die Nummer der Polizeidienststelle angezeigt wird, kann man sich allerdings auch nicht hundertprozentig darauf verlassen – es kann sein, dass die Betrüger auch diese Nummer eingespielt haben.

Die Rückverfolgung ist schwierig, aber trotzdem hat die Polizei manchmal Festnahmeerfolge. Haben Sie ein Beispiel für einen solchen?

Vor zwei Wochen gab es den Fall in Schönaich bei Böblingen. Eine 75-Jährige aus Neu-Ulm wurde seit zweieinhalb Wochen immer wieder kontaktiert, von einem falschen Polizeibeamten, kombiniert mit einem Gewinnversprechen. Ihr wurden 49 000 Euro Gewinn versprochen, wenn sie vorher Steuern und Gebühren zahlt. Der Betrüger ließ die Frau in Schönaich Briefkuverts abgeben. Die angebliche Gewinnsumme wurde irgendwann erhöht auf
400 000 Euro. Die Bank hat, als die Abhebungen immer mehr wurden, die Tochter der Frau informiert. Bei der Geldablieferung wurde er festgenommen.

Sie sind also auf die Mithilfe von Betroffenen in solchen Fällen angewiesen?

Ja, auf die Betroffenen oder auf Mitteilungen von Banken, dass irgendetwas nicht stimmt. Dann haben wir gute Chancen, die Geldabholer auf frischer Tat festzunehmen. Wir müssen ihnen die Straftat ja auch nachweisen können. Die Opfer haben im Regelfall keine Kontaktdaten von ihnen. Die geben beim Telefonat an, angeblich ein Müller oder Meier von irgendeiner Dienststelle zu sein.

Haben Sie Tipps für Betroffene?

Die Polizei würde nie prophylaktisch sagen, dass sie Geld oder andere Wertsachen in Verwahrung nimmt, weil eine Diebesbande unterwegs ist. Sie stellt Geld nur im Rahmen eines Strafverfahrens sicher, zum Beispiel als Beweismittel. Oder zur Eigentumssicherung, etwa wenn ein Auto offen steht. Vermögensangelegenheiten klärt sie nie telefonisch, sondern persönlich. Wenn jemand vor der Tür steht, kann man immer zur Sicherheit in der entsprechenden Dienststelle anrufen, ob das ein echter Beamter ist, und sich rückversichern. Die Rufnummer der Dienststelle aber immer selber heraussuchen oder die 110 wählen. Dabei jedoch darauf achten, dass die Leitung unterbrochen ist, falls zuvor telefoniert wurde. Oder ein zweites Telefon, zum Beispiel Handy, benutzen.

Und wenn ein angeblicher Polizist anruft?

Misstrauisch und kritisch sein! Und sich nicht auf die angezeigte Nummer verlassen. Auf jeden Fall sollte man keine Details zu familiären und finanziellen Verhältnissen preisgeben. Außerdem ist es immer ratsam – auch wenn man mit einer angeblichen Verschwiegenheitspflicht psychisch in die Mangel genommen wird – Rücksprache mit Familienangehörigen zu halten.

Zur Person

Hauptkommissar Jürgen Salzmann ist Erster Kriminalhauptkommissar und Leiter des Kommissariats II der Kriminalpolizeiinspektion Neu-Ulm, das zuständig ist für Eigentums-, Vermögens- und Urkundsdelikte, also für Straftaten wie Raub, Einbruch und Betrug. Er ist gelernter Diplom-Verwaltungswirt. Der 48-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel