Für Ingrid Kreuzer ist gerade die schönste Zeit des Jahres: Als Verkäuferin auf den Plantagen des Sendener Obsthofs Zott ist sie bis in den Herbst hinein Herrin über lange Reihen Erdbeer- und Himbeerpflanzen. Die meiste Zeit verbringt sie auf der Erdbeerplantage zwischen Weißenhorn und Witzighausen, wo bis in den August hinein süße Früchte reifen. Dann geht es weiter auf eine Himbeerplantage.

Früher verkaufte die 56-jährige Weißenhornerin in ihrer Heimatstadt Textilien. Als sie Mutter wurde, suchte sie nach einem Teilzeitjob in der Nähe und stieß schließlich auf eine Stellenausschreibung des Obsthofs Zott. Einige Zeit arbeitete sie dort als  Erdbeerpflückerin und wechselte dann in den Verkauf. Dass sie den Textilladen gegen einen Arbeitsplatz im Grünen getauscht hat, hat sie nie bereut. „Ich liebe die Natur und alles, was dazu gehört“, sagt Ingrid Kreuzer in ihrem Wohnzimmer mit Blick auf den wild-romantischen, an einem Bach gelegenen Garten. Hund und Gans, Ziege und Ente waren oder sind hier daheim.

Was die 56-Jährige gar nicht mag, ist Monotonie. Die gebe es auf dem Erdbeerfeld einfach nicht, freut sich die Weißenhornerin. Reiche und Arme, Junge und Alte seien ihre Kunden und jeder habe seine ganz besonderen Wünsche und Bedürfnisse.

Eimer um Eimer

So kaufe ein Herr im Anzug immer wieder gerne eine Schale mit bereits gepflückten Beeren, die Großfamilie dagegen Eimer um Eimer für die Marmeladen-Produktion im großen Stil. Manche Kunden seien auf große Früchte aus, um schnell fertig zu werden, eine andere Kundin pflücke nur die kleinsten Beeren, des besonderen Aromas willen. „Und jeder kann sich aussuchen, was er möchte, das ist doch toll.“

Besondere Freude hat Kreuzer an Eltern, die ihre Kinder zum ersten Mal mit zum Pflücken nehmen. Meist seien die Kinder hoch konzentriert und mit Begeisterung dabei, ihr eigenes Eimerchen zu füllen, erzählt Kreuzer: „Das ist ein Genuss, da zuzuschauen.“ Dass genascht werde, sei natürlich in Ordnung, sagt die Erdbeerverkäuferin. „Niemand hat was dagegen, dass kleine und große Kunden zu den Erdbeeren, die sie kaufen, auch noch welche so essen. Es soll ja Spaß machen, aufs Feld zu gehen.“

Nicht so begeistert reagiert Kreuzer, wenn Eltern ihren Sprösslingen wahre Erdbeerschlachten erlauben. Oder nicht aufpassen, wenn ein Kind unreife Beeren pflückt, dann aber die Ernte einfach auf den Boden kippen. Das sei einfach kein Umgang mit einem Nahrungsmittel, findet die Weißenhornerin. Andere Erlebnisse lassen sie nur den Kopf schütteln. So erwischte sie eines Morgens einen älteren, gut situierten Weißenhorner, der mit der Schaufel in der Hand Beerenpflanzen für seinen Hausgarten ausgrub. Von der Polizei erwischt wurden die Jugendlichen, die am späten Abend zum Beerenklau über den Zaun stiegen. „Die haben wir dann zur Strafe auf dem Obsthof zum Johannisbeerpflücken geschickt, das hat gewirkt“, schmunzelt Ingrid Kreuzer.

Für ihre Kunden ist die 56-jährige während der Saison fast täglich von acht bis 19 Uhr da. Sie kümmert sich darum, dass für Brauteltern besonders schöne, gleichmäßige Beeren für den Hochzeitskuchen reserviert werden. Sie hilft gestressten Kunden, die irgendwo zwischen den Pflanzen Handy, Geldbeutel oder Schlüssel verloren haben. Sie kennt die Eigenschaften jeder Erdbeersorte und hat Rezepttipps für die, die außer Kuchen und Marmelade weitere Leckereien aus den roten Früchtchen machen wollen. Etwa Erdbeertiramisu oder einen süffigen Erdbeer-Limes. „Manchmal sind die Leute dann so nett und bringen mir ein Versucherle mit.“ Am liebsten, sagt sie, schmecke ihr aber Erdbeerkuchen. „An dem komm ich nie vorbei.“

Auch Krähen sind begeistert

Auch tierische Erlebnisse gibt es: Oft hoppeln Hasen übers Feld, zur Freude der Kinder. Auch Krähen schauen vorbei, wobei ein ziemlich zahmes Exemplar wochenlang die Plantagenkunden belustigte und nervte: „Der Vogel hätte ein ganzes Feld gehabt, wollte aber immer von den bereits gepflückten Beeren klauen.“

Erst im Herbst ist ihr Dienst auf den Plantagen des Obsthofs vorbei. Dann hat die Weißenhornerin mehr Zeit für sich. Doch wenn ihre Chefs sie brauchen, etwa zum Schnee räumen, ist sie auch dann bereit: „Ich bin halt das Mädchen für alles.“

Erdbeerjahr ist schlecht gestartet


Frostschäden Der Wintereinbruch vor zwei Monaten hatte auch auf den Erdbeerfeldern seine Spuren hinterlassen. Alles habe nach einem frühen Saisonstart um den 10. Mai herum ausgesehen, sagt Christina Zott vom Obsthof Zott. Doch dann kamen Schnee und Frost und brachten nicht nur das Wachstum der Pflanzen zum Erliegen, sondern zerstörten die erste Blüte der frühen Erdbeersorten fast vollständig. Den späteren Sorten geht es dagegen weit besser.