Ermittlungen „Einsatz nicht überzogen, sondern professionell“

Elchingen / Carsten Muth 06.09.2018

Plötzlich steht die Polizei vor der Tür, schwer bewaffnet, gibt klare Kommandos. Die Beamten wollen die Hände der Verdächtigen sehen, schreien: Keine schnellen Bewegungen, langsam und rückwärts die Treppe herunterkommen! Dieses Szenario haben drei junge Männer, zwei Brüder und ein gemeinsamer Kumpel, Ende Juli in Oberelchingen erlebt (wir berichteten). Die Polizei rechtfertigt ihr konsequentes wie entschlossenes Vorgehen. Obwohl sich der Einsatz gegen Unschuldige richtete, die lediglich Playstation gespielt hatten. Und es, wie inzwischen klar ist, einen falschen Alarm gab, ausgelöst von zwei Nachbarn. Diesen wirft die Polizei nun vor, den Notruf missbraucht zu haben. Die Ermittlungen laufen (siehe Info-Kasten).


Was ist geschehen? Einer der Nachbarn gab an, Schüsse gehört zu haben. Er verständigte die Polizei, die rückte rasch mit „großem Besteck“ an – mit Streifenwagen und bewaffneten Beamten in schusssicheren Westen und anderer Schutzkleidung. Ein Hubschrauber kreiste über dem abgesperrten Einsatzbereich, die Aufregung in dem Elchinger Teilort war groß. Waffen jedoch fanden die Einsatzkräfte nicht.

Was sagt die Polizei? Der Einsatz muss heftig für die Betroffenen gewesen sein, räumt Florian Wallner ein, Sprecher des auch für den Kreis Neu-Ulm zuständigen Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West in Kempten. Er sagt aber auch: „Das Vorgehen war nicht überzogen, sondern angepasst und professionell.“ Schließlich seien die Einsatzkräfte davon ausgegangen, dass jemand in der Nähe des Mehrfamilienhauses herumballert. „Es ging um die Suche nach einer Person, die scharf geschossen hat.“ Man habe die Situation ernst genommen, zum Zeitpunkt der Alarmierung keinen Grund gehabt, an den Aussagen des Nachbarn zu zweifeln. Und: „Bei solch einer Lage macht es keinen Sinn, Verkehrspolizisten hinzuschicken.“

Was machte die Männer verdächtig? Nun ja, aus der Wohnung der drei jungen Männer waren Geräusche zu vernehmen, weil sie Playstation gespielt haben. Der Polizeisprecher stellt dazu nüchtern fest: „Playstation zocken ist natürlich erlaubt, aber vielleicht nicht so geschickt bei offenen Fenstern.“ Der Sprecher betont, dass die junge Männer zu keinem Zeit Beschuldigte waren, auch wenn diesen Handschellen angelegt wurden, sie eine Stunde lang gefesselt vor einer Hauswand sitzen mussten. „Es ging den Einsatzkräften dort um die Eigensicherung, bis die Lage geklärt ist.“

Was sagen die Betroffenen? „Wir haben Fifa gezockt, Sisha geraucht und auch mal laut gejubelt“, berichtet einer der Festgenommenen. Der 28-Jährige beteuert, keine Schüsse abgegeben und auch keine gehört zu haben. Der Webdesigner fügt hinzu: „Ich habe das Ganze gut verdaut. Mein Zwillingsbruder allerdings leidet schon noch drunter.“ Den habe der Vorfall sehr mitgenommen.

„Ich habe schon ein gewisses Verständnis für das Vorgehen der Einsatzkräfte“, sagt der 28-Jährige. Eine „kleine Entschuldigung“ hätte er allerdings schon erwartet. „Doch von der Polizei haben wir nach dem Vorfall nichts mehr gehört.“

Auf Unstimmigkeiten gestoßen

Konsequenzen Wenige Tage nach dem Einsatz in Oberelchingen sagte ein Polizeisprecher: Der Nachbar muss wegen des in die Leere verlaufenen Einsatzes keine Konsequenzen befürchten. „Das wäre nur der Fall, wenn der Mann wissentlich gelogen hätte. Dafür aber gibt es keine Erkenntnisse.“

Angaben Inzwischen gilt diese Einschätzung nicht mehr. Die Polizei vermutet, dass der Anrufer und ein Bekannter den Notruf missbraucht, wissentlich falsche Angaben gemacht haben. Bei den Ermittlungen seien „Unstimmigkeiten“ festgestellt worden, heißt es bei der Polizei, die ansonsten keine weiteren Angaben zu den laufenden Ermittlungen macht.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel