Trauer „Alleine hätte ich das nicht geschafft“

Illertissen / Johannes Braun 08.09.2018

Wie geht es Ihnen heute?

Gerlinde Göttl: Innerlich bin ich sehr aufgeregt, weil ich nicht abschätzen kann, was jetzt auf mich zukommt und wie es dann auf mich wirkt, wenn ich darüber gesprochen habe. Aber ich möchte es versuchen.

Wann wird Ihnen der Verlust Ihres Mannes am schmerzlichsten bewusst?

Das kann ich schwer in ein, zwei Schlagworte fassen. Mein Mann und ich waren 45 Jahre glücklich verheiratet und hatten gemeinsam unseren Lebenstraum verwirklicht, ein Café zu betreiben. Dabei verstärkte sich unser inniges Verhältnis, weil es unser beider Leidenschaft und Hobby war. Als mein Mann dann vor gut einem Jahr nach schwerer Krankheit starb, war ich … das kann man gar nicht beschreiben, wie wenn jemand einem etwas abgeschnitten hätte. Meine ganze Energie, einfach alles war plötzlich weg. Ich befand mich wirklich ganz weit unten.

Haben Sie dann gleich den Kontakt mit der Hospizgruppe aufgenommen?

Das war zwar recht schnell, basierte aber zunächst auf einem Zufall. Das Sommerfest der Ambulanten Hospizgruppe fand immer in unserem Café statt. Kurz nach dem Tod meines Mannes rief mich die Koordinatorin Johanna Nientiedt an, um einen Termin auszumachen. Da habe ich ihr erzählt, dass ich das Café geschlossen habe, weil mein Mann gestorben ist. Ich konnte es einfach nicht mehr weiter betreiben, weil da zu viele gemeinsame Erinnerungen dranhingen.

Wie hat denn Johanna Nientiedt darauf reagiert?

Sie hat mich nur gefragt, ob ich Hilfe brauche. Das war das Stichwort, denn ich habe gespürt, dass ich damit nicht alleine fertig werde. Ich war sehr dankbar für diese Hilfe, dass sie mich so aufgefangen hat. Ich weiß nicht, wie es weitergegangen wäre. Ich habe mich wie in einem Loch gefühlt und wäre nicht alleine herausgekommen.

Haben sich dann schnell erste Besserungen eingestellt?

Das hat schon eine Weile gedauert. Anfangs war ich einfach nur froh, dass ich jemanden zum Reden hatte.

Haben Sie denn keine Familie, mit der Sie darüber sprechen konnten?

Doch, aber in der Familie redet man anders darüber. Die Familienmitglieder trauern ja auch, und jeder geht damit anders um. Da ging es für mich immer wieder auch darum, meinen Familienmitgliedern Trost zuzusprechen – gerade den Kindern und Enkeln gegenüber. Oft wollte ich stärker sein, als ich es war. Man möchte ja die anderen schließlich auch nicht immer runterziehen mit seiner eigenen Trauer. Im Gegensatz dazu durfte und konnte ich mich in der Hospizbegleitung einfach gehen lassen, weinen, wenn mir danach zumute war, oder Gedanken offenbaren, die mich tief im Inneren bewegten. Da kommt dann alles erst so nach und nach raus, was einen in Zusammenhang mit dem Verlust so belastet.

War es für Sie eher hilfreich, dass Sie darüber sprechen konnten oder dass sie Tipps von einer neutralen Seite erhalten haben?

Beides. Es war befreiend, alles aus mir herauszulassen, was mich belastet hat. Auf der anderen Seite wird einem vieles so gut erklärt, so dass es am Ende einen Sinn ergeben hat. Als ich das dann erkannt habe, konnte ich den Tod meines Mannes allmählich besser annehmen. Das war sehr wichtig für mich. Da ging es mir dann besser.

Können Sie ein Beispiel dafür geben, was man in diesen Gesprächen lernen kann?

Man fühlt sich so allein auf der Welt, möchte auch niemanden sehen und niemandem seine Trauer zeigen. In so einer Situation verschließt man sich. Nicht einmal zum Bäcker wollte ich gehen. Erst über die Gespräche wurde ich Stück für Stück dazu geführt, andere Menschen wieder in mein Leben zu lassen. Ich habe gelernt, dass man auch mal traurig sein darf und auch mal weinen darf. Alleine hätte ich das nicht geschafft.

War für Sie die Trauer-Einzelbegleitung hilfreicher oder das Trauercafé?

Beides hat mir sehr gut getan, auch das Trauercafé war ganz wichtig für mich. Man denkt ja immer, man ist so alleine mit seiner Trauer. Aber dann sieht man, dass es anderen gleich oder ähnlich geht. Das ist eine große Hilfe. Man erkennt, wie andere mit dem Verlust umgehen, was diese Menschen an einschlägigen Tagen wie Geburtstagen, Weihnachten oder Hochzeitstag machen. Das erste Trauerjahr ist da schon sehr einschneidend, weil man plötzlich alles das erste Mal ohne den geliebten Menschen verbringt.

Welche Rolle hat für Sie der erste Todestag gespielt?

Das ist der Tag, vor dem man am meisten Angst hat. Da kommt alles nochmal hoch. Davor ging es mir ja schon besser, aber je näher der Todestag heranrückte, desto schwieriger wurde es für mich. Als ob man nochmal einen Berg erklimmen muss. Das durchlebt man nochmal so intensiv und ist wirklich sehr heftig. Da gab es dann eine ganz enge Begleitung durch die Hospizgruppe. Die Gespräche zu diesem Zeitpunkt haben mir besonders geholfen. Nach dem ersten Todestag wurde es dann deutlich besser, da wurde es plötzlich leichter.

Empfanden Sie die hospizliche Begleitung einmal pro Woche gerade in der Anfangszeit nach dem Tod Ihres Mannes nicht als etwas zu wenig für Ihre Trauerbewältigung?

Das kann man so nicht unbedingt sagen. Den Tod meines Mannes zu verarbeiten, ist ein Prozess, der nicht immer gleich intensiv abläuft. Es gab und es gibt immer noch ein Auf und ein Ab. Die Ausschläge sind nicht mehr so groß, weil ich in der Zwischenzeit viel über mich und meine Trauer gelernt habe. Aber natürlich bohrten vor allem anfangs immer wieder Fragen während der hospiz-freien Zeit in meinem Kopf. Da habe ich dann erst einmal selber dran gearbeitet und bin dann mit Teilergebnissen in die nächste Sitzung. Die Trauerbewältigung war und ist eben eher ein Weg.

Wie hat sich bei Ihnen im Laufe der Zeit eine Besserung bemerkbar gemacht?

Das kam nicht mit einem Ruck, sondern eher nach und nach. Durch die Gespräche mit der Trauerbegleiterin habe ich irgendwann gemerkt, dass ich mich nach den wöchentlichen Einzelgesprächen oder den Trauercafés alle vier Wochen besser gefühlt habe. Ich glaube, man merkt die Besserung nicht nur innerlich für sich selbst, sondern es ist äußerlich wahrnehmbar, dass man mit seiner Trauer besser zurecht kommt. Das fällt mir auch bei Trauernden im Trauercafé auf, die schon länger dabei sind.

Wie geht es Ihnen denn jetzt, wo Sie sich der Öffentlichkeit offenbart haben?

Gut, weil ich glaube, dass die Hilfe, die ich durch die Ambulante Hospizgruppe erfahren habe, auch für andere Menschen hilfreich wäre. Mir ist es wichtig, dass man diese Angebote verbreitet, damit eben auch andere Trauernde von der Unterstützung profitieren. Ich kann den Menschen nur empfehlen, dieses Angebot anzunehmen. Für mich war das so wichtig, Hilfe zu bekommen und zu lernen, diese auch anzunehmen.

Sterbe- und Trauerbegleitung

Hospizgruppe Die Ambulante Hospizgruppe Illertissen ist in den Räumen des Benild-Hospiz Illertissen beheimatet. Ihre Arbeit umfasst die ambulante Sterbebegleitung und Trauerarbeit. Im Rahmen der Trauerbegleitung bietet die Ambulante Hospizgruppe Illertissen Trauer-Einzelgespräche nach dem jeweiligem Bedarf der Trauernden sowie ein Trauercafé in Kooperation mit dem Benild-Hospiz mit monatlichen Terminen an, die kostenfrei sind. In den Einzelgesprächen nehmen sich ausgebildete, ehrenamtliche Mitarbeiter ca. eine Stunde Zeit, um die Trauernden zu unterstützen. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist es für die Trauernden dann hilfreich, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Diese Möglichkeit bietet dann das Trauercafé, das rund anderthalb Stunden dauert. „Man geht davon aus, dass es für 30 Prozent der Trauernden sehr sinnvoll wäre, eine Trauerbegleitung zu haben. Unsere ambulanten Hospizgruppen bieten diesen Menschen eine Möglichkeit dazu“, sagt Johanna Nientiedt, Koordinatorin der Ambulanten Hospizgruppe Illertissen.

Kontakt Die Ambulante Hospizgruppe Illertissen hat ihre Räumlichkeiten in der Bruckhofstraße 6 in Illertissen, Internet: www.hospiz-illertissen.de, Telefon (0152) 34 03 07 80.

Termin „Heute oder Morgen“ lautet der Titel eines Theaterstücks, zu dem die Ambulante Hospizgruppe Illertissen am Freitag, 14. September, um 19.30 Uhr in den Gemeindesaal St. Martin, Martinsplatz 2 in Illertissen einlädt. Das Theaterstück setzt sich mit ethischen Fragen am Lebensende auseinander. Der Eintritt beträgt acht Euro.

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