„Wie finden Sie denn dieses seltsame Programm?“, fragt eine Besucherin des Neujahrskonzerts der Würth-Philharmoniker in der Pause ihre Sitznachbarin. Diese Frage beinhaltet die Antwort bereits: Die Konzeption für diesen Abend ist nicht nachvollziehbar. Die Zusammenstellung wurde offenbar von zwei Parteien gemacht, die kaum mehr abgesprochen haben, als wer wie viele Minuten musizieren soll.

Da sind auf der einen Seite die Würth-Philharmoniker, die fröhlich-schmissige und walzerselig-­melodische Stücke ausgewählt haben, wie man sie aus dem im Fernsehen übertragenen Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker kennt: „Wiener Blut“, „An der schönen blauen Donau“ und „Unter Donner und Blitz“ von Johann Strauß junior, der „Blumenwalzer“ von Tschaikowski und „Ohne Sorgen“ von Josef Strauss.

Und auf der anderen Seite gibt es große dramatische Oper. Die Sopranistin Kristine Opolais und der Tenor Jonathan Tetelman singen – begleitet von den Würth-­Philharmonikern – Auszüge aus „Tosca“ und „Madame Butterfly“ von Puccini, aus „Manon“ von Massenet und mehr. Wenn auf solche ernsten Bühnenstoffe zum Beispiel die „Tritsch-Tratsch-­Polka“ folgt, wirkt das wie ein Schlag in die Magengegend.

Die Brüche wären erträglicher, wenn die beiden musikalisch-­dramaturgischen Pole in getrennten Blöcken untergebracht wären. Aber im Konzert am Sonntagnachmittag im Reinhold-Würth-Saal des Carmen-Würth-Forums in Künzelsau-Gaisbach wechselt beides immer wieder ab, und immer wieder wird von den Musikern und den Zuhörern gleichermaßen gefordert, dass sie blitzschnell den Stimmungsumschwüngen folgen.

Im Einzelnen werden alle Bestandteile nahezu tadellos ausgeführt. Besondere Bewunderung erfährt und verdient der Tenor Jonathan Tetelman. Er hat eine volle, dunkle Stimmfärbung, die bei den ersten Tönen eher einen Bariton vermuten lässt. Trotzdem kommt er auch locker in die Höhe. Ebenso die Sopranistin Kristine Opolais: Auch ihr Timbre ist sehr obertonreich, sie hat das, was man einen „dramatischen Sopran“ nennt, also eine eher dunkle Klangfarbe mit großen Ausdrucksmöglichkeiten.

Beide Sänger legen sich mit voller Energie ins Zeug. Da ist schon der schiere Schalldruck imponierend, von der ausgefeilten Gesangstechnik ganz zu schweigen. Zudem bieten sie die Opern-Auszüge szenisch dar, inklusive inniger Bühnenküsse – das Publikum jubelt immer wieder. Ein Fehlstart und der anschließende Lachanfall von Opolais machen den mehr als 500 Zuhörern im ausverkauften Saal die Sängerin noch sympathischer.

Auch die Leistungen der Würth-Philharmoniker sind nicht zu verachten. So bekannt die Stücke sind, die sie darbieten, so schwierig sind sie teilweise zu spielen. Zumal man jede Ungenauigkeit gleich bemerken würde, gerade weil man die Melodien so oft gehört hat. Doch das Orchester meistert auch rhythmische Finessen. Jeder Musiker ist sichtlich mit Herzblut dabei. Bei den Walzern geraten einzelne Zuhörer in leichtes Schunkeln.

Dirigent und Geigen-Solist ist an diesem Abend Julian Rachlin. Er leitet den Klangkörper mit sehr ausladenden Bewegungen und reicher Mimik. Seine Violinsoli spielt er mit Schwung und Sinn für die Melodie. Alle Beteiligten ernten Bravo-Rufe.

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