Barfußtänzer und Barfußärzte waren die Avantgarde von gestern. Seit die Geigerin Patricia Kopatchinskaja mit bloßen Füßen auftritt, sind nun Barfußmusiker im Kommen. #freebrahms heißt das Projekt des 2015 gegründeten Stegreif-Orchesters. Wie der Titel sagt, soll Brahms befreit werden. Samt Schuhwerk haben die Musiker den klassischen Dresscode, die Noten und den Dirigenten über Bord der konventionellen Aufführungspraxis geworfen. Für Konzept, Mut und Risikobereitschaft, den Spätromantiker Brahms anhand seiner 3. Sinfonie F-Dur op. 90 zu dekonstruieren und einzelnen Musikern ein Mandat zur Improvisation zu erteilen, erhält das knapp 30-köpfige Orchester den diesjährigen Würth-Preis der Jeunesses Musicales Deutschland (JMD).

Der Preis wurde 1991 ins Leben gerufen, um Einzelpersönlichkeiten, Ensembles und Projekte auszuzeichnen, die sich an Werten und Idealen wie Wahrhaftigkeit, Verantwortung und Verbundenheit orientieren. Das Stegreif-Or­chester wird als „die im Augenblick bemerkenswerteste innovative Initiative auf deutschen Konzertpodien“ ausgezeichnet, so der Begründungstext.

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Schwäbisch Hall

Überschwängliche Freude beim Ensemble, das den Würth-Preis im Carmen-Würth-Forum aus der Hand von Firmengründer Reinhold Würth empfängt. Trefflich charakterisiert der Kulturförderer die Musiker: „Sie suchen die Nähe der Seelen, der Men­schen, der Gefühle und versuchen einen Weg zu gehen, den es noch nicht gibt.“ Johannes Freyer (Präsident der JMD) würdigt die Mitglieder und den Initiator Juri de Marco als „starke, selbstbewusste und ihre Visionen verfolgende Musikerpersönlichkeiten, die experimentelle Wege gehen und uns die Musik auf ihre Weise neu erschließen.“

Sphärenklänge auf der E-Gitarre

Das Ensemble bedankt sich mit der Performance #freebrahms, die den Bogen von Brahms-Fragmenten bis zu Latino-Rhythmen einer ausgelassenen Beachparty spannt. Melan­cholische Sphärenklänge der E-Gitarre locken die Instrumentalisten aus dem Dunkel. In ritualisierten Formationen tragen sie den Klang in den holzgetäfelten Saal. Um den Meta­sound von Schuhen zu vermeiden, barfuß. Als sei‘s eine Hommage an Clara Schumann – die Brahms-Freundin fühlte sich an „Gläubige, die um ihren kleinen Waldschrein herumknien“ erinnert.