Bad Urach Zwischen Glanz und Küchenschürze

© Foto: Archiv/Peter Kiedaisch
Bad Urach / PETER KIEDAISCH 29.11.2013
Die Kunstfigur der resoluten Kammermagd namens Barbara, die Schlossbesucher gleichermaßen unterhält, informiert und neckt, ist zehn Jahre alt. Für die Staatlichen Schlösser hat sie sich als Glücksfall erwiesen.

Es gibt Dinge, über die können sich Hanna Kugele aus Bad Urach und Susanne Längle aus Upfingen tüchtig aufregen. So sehr, dass sie in Rage geraten: „Wie kann man denn so rumlaufen?“ fragen sie wildfremde Menschen und ziehen sich noch nicht mal den Zorn der vor allen anderen Bloßgestellten zu. Im Gegenteil, alle lachen und freuen sich über eine Führung durchs Residenzschloss, die mindestens so unterhaltsam ist wie das schräge Leben spätmittelalterlicher Herrschaften hinter verschlossenen Türen und abseits der öffentlichen Wahrnehmung eben sein kann. Hanna Kugele und Susanne Längle geben während ihrer Schlossführungen die Kammermagd Barbara jetzt seit zehn Jahren. Sie ist für das Schloss ein Glücksfall.

Die Kammermagd ist eine Kunstfigur. Geschaffen hat sie Dr. Saskia Esser, die bei den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg den Bereich „Entwicklung, Sammlungen und Besucherangebote“ unter sich hat. Die geistige Mutter der Kammermagd also. Damals, sagt sie, gab es im frisch renovierten und im Jahr 2000 neu eröffneten Schloss viele Angebote. Sonderführungen etwa, Führungen für Kinder und den Audio-Guide: „Aber es fehlte der Knüller.“ In anderen Schlössern, etwa Ludwigsburg, schafften es Schlossführer in historischen Kostümen, eben für jene Knall-Effekte zu sorgen. Führungen mit Event-Charakter heißt das Konzept, das Geschichtserlebnis und Unterhaltung so vortrefflich miteinander verbindet.

Und so vertiefte sich Dr. Saskia Esser in die reichlich vorhandenen historischen Quellen und schuf ein Bindeglied zwischen dem Grafen Eberhard und seiner Frau Barbara Gonzaga einerseits und zwischen der Welt des höfischen Glanzes und der niederen Dienerschaft andererseits. Die Kammermagd, Tochter eines Uracher Zimmermanns, war geboren und musste nur noch Fleisch, Gewand und Stimme werden. Dafür sorgen bis heute Susanne Längle und Hanna Kugele. „Wir haben die Ärmel hochgekrempelt und die Figur entwickelt“, erinnert sich Dr. Esser, die ein Drehbuch für die Rolle schrieb. Inklusive eines kurzen Abrisses über die Geschichte des Spätmittelalters in Urach und der aufkeimenden Renaissance in der Heimat der Grafen-Braut im Kleingedruckten. In das mussten sich die beiden Schlossführerinnen einlesen. Mit Erfolg: „Man kann uns ohne schlechtes Gewissen auf die Leute loslassen“, sagt Hanna Kugele. Sie interpretiert ihre Rolle etwas resoluter im Vergleich zu ihrer Kollegin, wie Janna Almeida, die Leiterin der Kloster- und Schlossverwaltung, analysiert hat. Susanne Längle „führt etwas sanfter durchs Schloss“.

75 Führungen pro Jahr im Durchschnitt, der Rekord liegt bei 103, insgesamt haben die beiden Kammermägde 20 313 Personen in zehn Jahren schimpfend, erzählend, am Ärmel ziehend, lästernd, keifend oder aushorchend durch Graf Eberhards ehemalige Residenz geführt. Und manchmal, sagt Hanna Kugele, kommt es vor, dass sie zum Abschluss spontan in den Arm genommen wird, dass jemand auf sie zukommt mit den Worten: „So Barbara, ich muss dich jetzt knuddeln!“

Naja, vielleicht sind dergleichen Gefühlsausbrüche ja auch nur Ausdruck der Freude darüber, das Schlimmste überstanden zu haben. Was Äußerlichkeiten anbelangt, ist die Kammermagd durchaus konservativ. Sie duldet keine Beinkleider bei Frauen und vermisst bei ihnen die Haube auf dem Kopf, sofern sie nicht mehr ledig sind. Männer ohne spitze Schuhe und enge Hosen sind ihr ohnehin suspekt, und wenn sie auch noch Braun, Schwarz oder Grau tragen wie entlaufene Mönche, ist’s um ihre Contenance geschehen: „Mann, zieh doch auch mal was Rotes an!“ Streifen als Zierde am Wams interpretiert sie als Zeichen des Teufels; und mancher Besucher muss sich angesichts seiner Kleiderwahl die Frage gefallen lassen, ob er denn unter die Räuber geraten sei. „Da gibt’s ganz schlimme Sachen, gerade im Sommer“, klagt Hanna Kugele.

Inzwischen spielt sie auch eine andere Rolle, die der Putzfrau Rosi. Das ist für all jene, denen die Kammermagd-Sprüche zu sehr in Richtung Kindergeburtstag gehen. Für Hartgesottene also, für solche, die es gerne puristischer mögen. Übrigens zeugt das Gästebuch im Schloss von der Beliebtheit Barbaras. Ein Gast hat geschrieben: „Barbara hat uns in den Bann gezogen. Kurzum, eine Frau zum Heiraten.“