Den Kindern die bestmöglichen Bildungschancen eröffnen, das versprechen alle Parteien. Wie der richtige Weg zu diesem Ziel aussieht, darüber gibt es freilich unterschiedliche Meinungen. Deshalb lud der Gesamtelternbeirat der Bad Uracher Schulen die Landtagskandidaten von CDU, Grünen, SPD, FDP und der Linkspartei zur Diskussion in der Mensa des Graf-Eberhard-Gymnasiums. Mit Klaus Käppeler (SPD), Karl-Wilhelm Röhm (CDU) und Dr. Emanuel Peter (Die Linke), der für den erkrankten Günter Herbig einsprang, saßen drei Fachleute auf dem Podium, alle waren oder sind Lehrer. Andreas Glück (FDP) ist Facharzt für Chirurgie, Kerstin Lamparter (Bündnis 90/Die Grünen) Unternehmerin.

Als Mitglied des Bildungsausschusses des Landtags, so Klaus Käppeler (SPD), trügen einige Entscheidungen der grün-roten Regierung auch seine Handschrift. Leitgedanke dabei: Bildung darf nicht vom Geldbeutel abhängen. Aus diesem Grund habe die Landesregierung die frühkindliche Bildung massiv ausgebaut. Ebenso sei das Gymnasium gestärkt und die Gemeinschaftsschule installiert worden. Sie sei, sagt Käppeler, die „Schule für den ländlichen Raum“. Er wehrte sich außerdem gegen den Vorwurf, die Landesregierung habe die Gemeinschaftsschulen finanziell wesentlich besser ausgestattet als die anderen Schulformen, was er mit folgenden Zahlen belegt sehen will: Im Gymnasium kämen 14 Schüler auf einen Lehrer, in den Werkreal- und Gemeinschaftschulen 15 Schüler und an den Realschulen 16 Schüler.

Nachdrücklich sprach sich Käppeler gegen eine Rückkehr zu G9 aus. In Tübingen besuchten inzwischen 60 bis 70 Prozent eines Jahrgangs das Gymnasium, in Heidelberg seien es 70 bis 80 Prozent. Kehre das Land flächendeckend zu G9 zurück, entwickle sich das Gymnasium zur neuen Hauptschule.

Parallel zum Gymnasium wolle die SPD deshalb die so genannte zweite Säule ausbauen: Dazu gehören Gemeinschaftsschulen, Werkreal- und Realschulen, die sich entsprechend den Bedürfnissen entwickeln sollen. Gerade Realschulen, so Käppeler, wären die großen Verlierer, käme das flächendeckende G9.

Schon jetzt, sagt Karl-Wilhelm Röhm (CDU), seien die Realschulen die Verlierer der grün-roten Bildungspolitik. Das liege nicht zuletzt daran, dass Realschulen nun den Hauptschulabschluss anbieten müssen. Damit wolle Grün-Rot die Realschulen langfristig zu Gemeinschaftsschulen umformen. Das möchte die CDU verhindern: „Die Realschulen sollen so bleiben, wie sie sind.“ In den Gemeinschaftsschulen solle es, falls die Union wieder Regierungsverantwortung erhält, eine Orientierungsphase in den Klassen fünf und sechs geben. Anschließend sei klar, welchen Abschluss die Kinder anstreben. Ein Schulabschluss, so Röhm, solle kein Abfallprodukt sein. Vielmehr gehe es darum, im Rahmen der Schulkarriere gezielt die Talente der Jungen und Mädchen zu fördern.

Vom Modell G8 rückt Röhm ab. Die Voraussetzungen, unter denen die CDU-Regierung einst auf diese Schulform setzte, hätten sich geändert. Die allgemeine Wehrpflicht fiel ebenso weg wie die langen deutschen Studienzeiten. Die jetzte Politik allerdings, „willkürlich 44 Gymnasien“ das G9 zu bewilligen, sei aber verkehrt.

Gefahren für die Realschule entstünden im ländlichen Raum nicht, kehre das Land zu G9 zurück, betont Röhm. Hier entschieden sich nach wie vor zahlreiche Schüler dafür, zunächst einen mittleren Bildungsabschluss zu erwerben.

Langfristig führe kein Weg am Zwei-Säulen-Modell vorbei, so Röhm. „Für uns sind das die Realschule und das Gymnasium.“ Für bestehende Gemeinschaftsschulen gab Röhm eine Bestandsgarantie ab, es soll jedoch keine neuen geben, da die CDU keine Schule für alle wolle, sondern ein differenziertes Schulsystem.

Das Zwei-Säulen-Modell hält der Liberale Andreas Glück (FDP) „für einen großen Fehler“. Er wolle „einen ganzen Strauß von Schulen“, damit sich jeder die richtige Schule für seine Bedürfnisse aussuchen könne. Ein kleines Blümchen darin könne auch die Gemeinschaftsschule sein. Er selbst, so Glück, sei von diesem Schulmodell nicht überzeugt, da es entgegen der Regierungsmeinung keine Bildungsgerechtigkeit schaffe, weil Grün-Rot den Bildungserfolg vom Leistungsaspekt abgekoppelt habe. In der Bildungspolitik, so Glück, sei es erforderlich, endlich von der Strukturdebatte wegzukommen, um über die Qualität der Bildung zu sprechen: Die heutigen Kinder und Jugendlichen seien im Alltag von Hightech umgeben, in den Schulen herrsche bei den Lernmitteln dagegen oftmals noch Steinzeit. Dass Realschulen auch den Hauptschulabschluss anbieten müssen, hält Glück „für eine Katastrophe“. Damit wolle die Landesregierung langfristig die Werkrealschulen abschaffen. In Sachen G9 hat er folgenden Vorschlag: Jede Schule erhält ein Budget und entscheidet selbst, ob sie in acht oder neun Jahren zum Abitur führt.

Kerstin Lamparter (Grüne) kandidiert erstmals für den Landtag. Die Grünenpolitikerin betonte, jeder solle unabhängig von sozialem Status und Herkunft gefördert werden. „Kein Kind darf auf der Strecke bleiben.“ Die grün-rote Landesregierung habe aus diesem Grund in den vergangenen fünf Jahren unter anderem 350 neue Lehrerstellen geschaffen sowie 25 Millionen Euro in die Schulsozialarbeit investiert.

Um sich ein Bild vom Wesen der Gemeinschaftschule zu verschaffen, habe sie einen Tag dort verbracht und sei begeistert: „Jedes Kind hat dort die Chance auf individuelle Förderung.“ Indessen werde keine Kommune von der Regierung gezwungen, eine Gemeinschaftsschule einzuführen, die Entscheidung falle jeweils vor Ort. Unterstützen will sie außerdem die Realschulen. Für Gymnasien sprach sie eine Bestandsgarantie aus, das sei auch die Politik, die Ministerpräsident Winfried Kretschmann vertrete. Fürs G9 zeigte Lamparter ebenfalls Sympathie.

Dr. Emanuel Peter (Linke), der nicht im Bananenwahlkreis kandidiert, sprach sich nachdrücklich für die Gemeinschaftsschulen aus. Das seitherige Bildungssystem sei davon ausgegangen, dass Kinder in homogenen Klassen besser lernen. Studien zeigten jedoch, der Bildungserfolg sei dann hoch, wenn Kinder individuell gefördert würden und in einem heterogenen Team lernen könnten. Die Gemeinschaftsschule setzte somit das Prinzip der Grundschulen fort. Entstünden weitere Gemeinschaftsschulen, könnten 70 Prozent der seitherigen Schulstandorte erhalten bleiben. Bleibe es bei einem ausdifferenzierten System, überlebten nur 30 Prozent.