Dettingen Zu viel Wissen über die süßen Früchte geht verloren

Dettingen / Michael Koch 06.07.2018

Wie viele Kirschsorten mag es wohl geben? Bekannt ist, dass der Pomologe Eduard Lucas im 19. Jahrhundert rund 400 verschiedene Sorten beschrieben hat. Und wie viele davon gibt es noch heute? 80 sind im Rahmen des Sortenprojekts der Grünflächenberatungsstelle des Landratsamts Reutlingen kartiert, fast 70 davon sind alleine in der Dettinger Kirschenheimat, einem Sortengarten der Gemeinde,  zu finden. Da lohnt sich ein genauerer Blick.

Der erste Stopp ist bei der „Perle von Filsen“. „Sieht aus, als hätten die Kirschen zu wenig Wasser bekommen, so klein sind die“ sagt ein Laie, was bei Jörg Kächele, als Grünbereichsleiter der Gemeinde Dettingen für die Kirschen zuständig, nur ein Kopfschütteln hervorruft. „Im Gegenteil“, sagt er, „der Baum steht ausgesprochen üppig da, die Kirschen sind vollkommen in Ordnung.“ Die Früchte dieser Sorte seien nun mal sehr klein, statt als Tafelobst, sind sie hervorragend als Brennkirschen geeignet.

Im Jahr 2006 wurde die Kirschenheimat angelegt, mehr als 100 Bäume wurden damals neu gesetzt, rund 70 verschiedene Sorten. Die Gemeinde war damals mit im Boot, Schulen sowie der Obst- und Gartenbauverein, gefördert wurde die Aktion durch das Programm „Plenum“. Der Schwerpunkt lag auf alten, regionalen Sorten aus dem Diemitzer Sortiment von 1890 und jenem des Pomologischen Instituts Reutlingen von 1910. Dementsprechend ist die Kirschenheimat heute ein wahrer Fundus für Sortensammler, wie es sie beispielsweise in Person von Thilo Tschersich bei der Grünflächenberatungsstelle des Landratsamtes Reutlingen gibt. Dort läuft aktuell ein Sortenprojekt (siehe auch nebenstehend), an dem sich nach Möglichkeit alle Gütlesbesitzer beteiligen sollen.

„Das Steinobst wurde in der Vergangenheit bei der Sortenbestimmung etwas stiefmütterlich behandelt“, sagt Thilo Tschersich. Die Folge sei, dass es speziell für Kirschen kaum noch Fachleute gebe, die eine Sorte zweifelsfrei bestimmen können. Neben der Baumform, der Größe und Farbe der Kirsche sowie ihres Geschmacks halten sich die Experten vor allem an den Stein. „Der weist verschiedene Merkmale auf, mit denen sich eine Kirsche auf wenige Sorten eingrenzen lässt“, so Tschersich.

Weil es nur noch sehr wenig fundiertes Wissen zu Kirschen gibt, hat Thilo Tschersich eine Bitte:  „Jeder, der einen besonderen Kirschbaum, mit ungewöhnlichen Eigenschaften oder einem ungewöhnlichen Sortennamen kennt oder hat, der möge sich bitte bei uns melden. Dieses Wissen vor allem der älteren Generation darf auf keinen Fall auch noch verloren gehen.“ Vieles sei noch vom Hörensagen bekannt, dies alles sei erhaltenswert. Ein Eigentümer habe für seinen Baum nichts zu befürchten, wenn es sich um eine interessante Sorte handelt, dann fragen wir im Höchstfall, ob wir uns ein paar Edelreiser für den Sortenerhalt schneiden dürfen.“

Unter den insgesamt 14 000 Kirschbäumen auf Dettinger Gemarkung gibt es in der Kirschenheimat noch Raritäten wie die Moserkirsche, das Landele, die Werdersche Braune oder die Spanische Weiße, die in der Fachliteratur sogar schon als ausgestorben galt.

Viele dieser Sorten und die Möglichkeiten ihrer Verarbeitung werden der Bevölkerung beim Dettinger Kirschenfest vorgestellt, das im kommenden Jahr am 30. Juni wieder entlang des Kirschenwegs stattfindet, wie Regine Ries von der Gemeindeverwaltung bestätigt. „Die grundsätzliche Idee des Festes ist es, über regionale Produkte von absoluter Spitzenqualität zu informieren, die direkt hier vor der Haustüre wachsen“, sagen Regine Ries und Jörg Kächele unisono. Aus der Kirschenheimat haben sie jedenfalls jede Menge zu zeigen.

Ermstäler Knorpelkirsche auf der Buga 2019

Vom 17. April bis 6. Oktober 2019 ist Heilbronn Gastgeber der Bundesgartenschau. Eine Attraktion dabei wird die Ermstäler Knorpelkirsche sein. Einige Exemplare dieser Spezialität wurden jüngst von der Grünflächenberatungsstelle Reutlingen bereits nach Heilbronn geschickt. Dort sollen sie in einem 3D-Druckverfahren originalgetreu nachgebildet und auf dem gesamten Messegelände ausgestellt werden – eine ganz besondere Ehre für das Ermstäler Erzeugnis.

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