Beuren Wo Geschichte lebendig wird

Von Anja Weiß 02.08.2018

Ein 500 Jahre altes Bauernhaus aus Aichelau, ein funktionsfähiger Kalkofen aus dem Odenwald, ein Weberhaus aus Laichingen, ein Fotoatelier aus Kirchheim oder ein Garten, in dem Schnecken gezüchtet oder Erdbeerspinatpflanzen angebaut werden: Wer das Freilichtmuseum in Beuren betritt, begibt sich auf eine spannende Zeitreise. Für den wird Geschichte erleb- und spürbar, denn im Museumsdorf stehen 24 historische Gebäude, die man betreten und in denen man sich umschauen kann. Die einem Einblicke in längst vergangenen Zeiten erlauben. Zeiten, in denen es einfacher und sparsamer zuging. In denen die Häuser so niedrige Decken hatten, dass man den Kopf einziehen muss, wenn man sie betritt. Wo die Wäsche vor dem Holzofen getrocknet wurde und wo man das gute Besteck nur an den Feiertagen aus dem Schrank holte.

Es sind Orte, die einem vermitteln, was früher war und wie sich das Leben in der Region entwickelt hat. Sieben solcher Freilichtmuseen gibt es in Baden-Württemberg (siehe Infokasten), das Beurener ist das jüngste unter ihnen. 1995 ist es in Betrieb gegangen, auf rund 75 000 Besucher pro Jahr sind die Zahlen seitdem gestiegen, 800 Gruppen werden empfangen und das Team um Leiterin Steffi Cornelius bietet 100 sonstige Veranstaltungen zusätzlich an.

Eine Million Euro zusätzlich

All dies sei nur möglich, weil der Landkreis das Museum unterstützt, betont Monika Dostal, zuständige Dezernentin im Landratsamt Esslingen. Aber auch das Land lässt sich die Museen einiges kosten. So hat Kunststaatssekretärin Petra Olschowski im Rahmen ihrer Sommertour im Freilichtmuseum Beuren den Startschuss für das Sonderprogramm des Landes zur Förderung von Vermittlungsprogrammen an den sieben regionalen ländlichen Freilichtmuseen gegeben. Das Land stellt den Museen für die Jahre 2018 und 2019 insgesamt eine Million Euro zusätzlich zur Verfügung, um deren Vermittlungsarbeit zu stärken. Gefördert werden insgesamt zehn Projekte der sieben Museen, darunter ein Gemeinschaftsprojekt.

Olschowski war zu Gast in Beuren, hat das Museumsdorf besichtigt und zeigte sich beeindruckt. Diese Museen seien wichtige Orte, an denen sich zentrale Themen vermitteln lassen, lobte sie. „Orte der Geschichte, die den Bogen in die Gegenwart spannen.“

Besonders die idyllische Lage inmitten des Streuobstparadieses ist eine Attraktion, ebenso dass es Tiere gibt,  die die Besucher sogar anfassen dürfen. Das macht das Museum zu einem beliebten Ausflugsziel für die ganze Familie, gerade für die Kleinen wird Geschichte lebendig vermittelt. Besonders authentisch wird das Ganze durch die Originalgemäuer, aber auch die didaktische Vermittlung, etwa durch Tonaufnahmen einer Magd, die im schwäbischen Dialekt erzählt, wie ihre Herrschaften um die Jahrhundertwende gelebt haben. Oder das Fotoatelier aus Kirchheim, das zum großen Teil aus Glas besteht, um möglichst gutes Licht zu bekommen und in dem sich einst sogar der junge Hermann Hesse ablichten ließ. „Das authentische Erleben ist unsere große Stärke“, sagt auch Museumsleiterin Steffi Cornelius.

Genusszentrum kommt

Ab Ende 2019 gibt es eine weitere Attraktion zu bestaunen: Im Herbst dieses Jahres wird in Geislingen an der Steige das Gasthaus „Wilhelmshöhe“ abgebaut. Dieses ist 1893 mit dem Gartensaal erbaut worden, es folgten Erweiterungen in den Jahren 1937 und 1952. Dann, 1966, wurde die Bewirtschaftung eingestellt, oder vielmehr sie ruhte und wird nun ab 2019 an dem neuen Ort wieder aufgenommen, die Einweihung ist für Herbst 2019 vorgesehen. Die Beurener Museumsbetreiber haben mal wieder Beeindruckendes vor: Es wird einen kompletten Neuaufbau des Gebäudes geben, und in dem wird so einiges geboten. Es ist eine Schauküche geplant, in der Mahlzeiten von einst und heute zubereitet werden, natürlich mit Zutaten, die aus der heimischen Landwirtschaft kommen und die vielleicht in Gefahr sind, vergessen zu werden.

Außerdem ist es ein Lückenschluss zwischen den beiden Museumsbereichen, die es bisher gibt, wenn auf dem weitläufigen Gelände auf der bis dato grünen Wiese ein weiteres Gebäude eröffnet wird. Steffi Cornelius freut sich auf die Erweiterung und ist sich sicher,  dass die Besucher es dankbar annehmen. „Man muss am Puls der Zeit bleiben, dann kommen die Gäste“,  weiß sie aus Erfahrung.

Die sieben Freilichtmuseen im Süden

Sieben Museumsdörfer gibt es in Baden-Württemberg: Mit 170 Gebäuden, authentischen Werkstätten, Bauernhoftieren und lebendigen Veranstaltungen geben sie Einblick in die Geschichte des ländlichen Südwestens.
Die Standorte:
Odenwälder Freilandmuseum Gottersdorf, Hohenloher Freilandmuseum Wackershofen, Freilichtmuseum Beuren, Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof, Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck, Oberschwäbisches Museumsdorf Kürnbach und Bauernhaus-Museum Allgäu-Oberschwaben Wolfegg.  
Kooperation
Es gab bereits mehrfach  gemeinsame Ausstellungsprojekte, momentan ist es die Ausstellung „Ausgrenzung und Integration auf dem Land“. Jedes der sieben Freilichtmuseen zeigt dabei eine eigenständige Ausstellung mit begleitenden Aktivitäten und Veranstaltungen, die einen engen Bezug zur jeweiligen regionalen Geschichte hat. Gleichzeitig entsteht durch den gemeinsam erarbeiteten und an allen Orten gezeigten Teil eine Zusammenschau, die ein neues Licht auf die gesellschaftliche Relevanz von Randgruppen früher und heute wirft. In Beuren liegt der Ausstellungs-Schwerpunkt auf dem „jüdischen Leben im ländlichen Württemberg“.

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